Einvernehmliche
Trennung

Aus politischem Kalkül wurde 1921 daher das sogenannte "Trennungsgesetz" beschlossen, welches 1922 in Kraft trat, Wien und Niederösterreich voneinander löste und die Stadt an der Donau in den Rang eines eigenen Bundeslands erhob. Zwar wird oft betont, dass die christlich-soziale Partei die treibende Kraft dahinter war, das Umland aus dem Einfluss der Arbeiterpartei zu bekommen. Die Sozialdemokraten bangten jedoch um ihre hauchdünne Mehrheit und wollten verhindern, dass Wien als einfache Gemeinde unter den Einfluss der Christlich-Sozialen fiel, sollte diese kippen. Außerdem trug Wien den Großteil der Steuerlast und finanzierte so auch niederösterreichische Gemeinden mit. "Beide Parteien wollten ihr politisches Terrain absichern", so Resch.

Ähnlich bei einer Scheidung lief auch die Gütertrennung ab. Mehr als ein Jahr wurde über den Verbleib von Objekten wie der Knödelhütte, den Steinhofgründen oder dem Landhaus in der Herrengasse verhandelt. Am Ende blieb alles in der Stadt im Besitz von Wien und der Rest fiel Niederösterreich zu. Im Nachhinein war die Trennung für Niederösterreich jedoch ein großer finanzieller Nachteil. Das Land verlor einen Großteil seiner Steuereinnahmen, während in der nun eigenständigen Hauptstadt das Konzept des "Roten Wien" auf dem Fundament der erlangten Steuerhoheit ausgebaut wurde. So erlebte auch der Gemeindebau seine Geburtsstunde, laut Resch eine der prägnantesten sozialpolitischen Maßnahmen der Stadt in der Zwischenkriegszeit.

"Eine weitere große Zäsur in der Bevölkerungsentwicklung gab es während der Zeit des Nationalsozialismus", erzählt Andreas Resch. Der damalige Bevölkerungsrückgang war zu einem Gutteil der Deportation und Ermordung eines großen Teils der jüdischen Stadtbevölkerung geschuldet. Zusammen mit anderen Regimeopfern und im Krieg Gefallenen schrumpfte die Stadt um mehr als 300.000 Einwohner.

Gemeindebauboom
und "Schlafstädte"

Während der Zeit des Wiederaufbaus und der Besatzung durch die alliierten Truppen zwischen 1945 und 1955 stagnierte das Wachstum weiter. Die Militärpräsenz machte Wien zu einem unattraktiven Standort für Wirtschaft und Investoren. "Die Bevölkerungszahl stagnierte weiter und war sogar rückläufig, bis sie um 1980 ihren Tiefstand bei 1,5 Millionen Einwohnern erreichte", so Resch.

Daran änderten auch die Gastarbeiter nichts, die ab den Sechzigern ins Land geholt wurden. Denn ihr Aufenthalt war streng geregelt und die ersten Wellen siedelten sich nicht primär in Wien an.