Trotz dieser Entwicklung setzte in Wien in den Sechzigern ein regelrechter Bauboom ein, der stärkste in der Geschichte der Zweiten Republik und laut Resch nur mit der Bautätigkeit der Gründerzeit vergleichbar. Bereits während des Wiederaufbaus wurde der Wohnungsknappheit entgegengewirkt. "Einerseits wurden Miniwohnungen gebaut, die nur für eine vorübergehende Nutzung und spätere Zusammenlegung geplant waren", so Resch.

Auch wurden Einfamilienhäuser per Verordnung zu Mehrparteienwohnungen. Die Entwicklung der Montagebauweise und gehobene Wohnstandards führten jedoch dazu, dass vor allem in den Außenbezirken die Gemeindebauwohnblöcke aus dem Boden schossen. Zusätzlich kurbelte diese Stadtentwicklung die Wirtschaft Wiens kräftig an. Diese neu gebauten Stadtviertel waren jedoch infrastrukturell nicht durchdacht. "In diesen sogenannten Schlafstädten gab es kaum mehr als die Wohnungen, worunter vor allem die Hausfrauen litten", gibt Resch zu bedenken. Die mangelnde Infrastruktur zog Probleme der Anrainer wie Depressionen, Alkoholismus oder Vandalismus mit sich.

Das Grätzl
mehr im Blick

In den Siebzigern und Achtzigern kumulierten sich diese Probleme und zwangen die Stadtregierung zum Umdenken. Zukünftige Stadtentwicklungspläne begannen, Bürgerbeteiligung zu berücksichtigen, und achteten auf bessere Infrastruktur der näheren Umgebung. "Das Grätzl rückte quasi in den Vordergrund", meint Resch. Das spiegelt sich auch in den jüngsten Stadterweiterungsprojekten wie dem Sonnwendviertel und der Seestadt Aspern wieder. Auch wurden beispielsweise mit der Fertigstellung der neuen Donau und der damit verbundenen Nutzbarmachung der Donauinsel sowohl neue Wohn- als auch Erholungsgebiete erschlossen.

Zudem begann die Stadtbevölkerung ab den Achtzigern wieder kontinuierlich zu wachsen, das im wirtschaftlichen Aufschwung befindliche Wien wurde ein attraktiver Lebensraum. Neben sesshaft gewordenen Gastarbeitern führten Krisen in den ehemaligen Ostblockstaaten, beispielsweise in Polen sowie der Zerfall Jugoslawiens zu Migrations- und Fluchtströmen nach Wien. "Spätestens seit dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde bei der Stadterweiterung begonnen, regional zu denken, beispielsweise die Achse Wien-Bratislava", fügt Resch an.

Zuletzt wuchs die Bevölkerung von 2007 bis 2017 um 12,4 Prozent auf 1,87 Millionen Einwohner. Trotz des Zuzugs aus Europa und der restlichen Welt - derzeit sind 30 Prozent der Wiener keine österreichischen Staatsbürger und 16,9 Prozent Drittstaatsangehörige - darf die innerösterreichische Migration nicht außer Acht gelassen werden. "Der Zuzug von den Bundesländern nach Wien hat immer eine große Rolle gespielt. In diesem Zusammenhang ist es auch bemerkenswert, dass Wien als einziges Bundesland immer jünger wird, was seine Einwohner anbelangt", sagt Resch.

In dieser Woche

widmet sich die "Wiener Zeitung"

intensiv dem Republiksjubiläum, unter anderem im "Wiener Journal" (9. November) sowie in einer WZ-Schwerpunkt-Ausgabe

(10. November). Im Wiener Burgtheater findet am 11. November um 11 Uhr eine Matinée zu den Ereignissen des November 1918 statt.