Kriegsküche in Wien - © Aus: Edgard Haider: "Wien 1918. Agonie der Kaiserstadt." Böhlau Verlag 2017
Kriegsküche in Wien - © Aus: Edgard Haider: "Wien 1918. Agonie der Kaiserstadt." Böhlau Verlag 2017

"Wir spielen Weltkrieg"

Am ärgsten trifft die Hungerkatastrophe Wiens Kinder. 14-jährige Buben wiegen im Durchschnitt 30 statt altersgemäß 41 Kilogramm. Bei Mädchen ist die Situation etwas besser. Auch im Größenwachstum sind die unterernährten Kinder zurückgeblieben. Die Einrichtung einer Kriegskinderküche in Wien Meidling vermag die Not nicht nachhaltig zu lindern. Eine größere Erleichterung bietet die Aktion "Kaiser Karl Wohfahrtswerk, Kinder aufs Land". In den Sommerferien können sich Schulkinder auf Bauernhöfen, vornehmlich im besser gestellten Ungarn, erholen und so richtig satt essen. Nahezu 72.000 Buben und Mädchen werden angemeldet, das sind 30 Prozent aller Wiener Schulkinder. Um die Gesundheit der Kleinen ist es schlecht bestellt. Tuberkulose und Rachitis grassieren in erschreckendem Ausmaß. Der Mangel an Vitamin D beeinträchtigt die normale Knochenbildung. Solche Kinder sind für ihr ganzes Leben gezeichnet.
Nachteilig für Kinder wirkt sich der Krieg auf die Schule aus. Etwa 150 Pflichtschulen der Gemeinde Wien sind für die Armee beschlagnahmt worden. Die Ersatzquartiere sind für einen qualitätsvollen Unterricht schlecht geeignet. Aber dieses Opfer gilt als unentbehrlich, müssen die Kinder doch begreifen, dass auch sie "Soldaten der Heimatfront" sind. Da ist Gedichtelernen, Bruchrechnen oder Schönschreiben doch wahrhaft zweitrangig! Gefragt sind jetzt Dienste im Abwehrkampf gegen einen heimtückischen Feind, der das Vaterland vernichten will. Vorrang haben deshalb Boten- und Kanzleidienste, sogenannte Labedienste für Soldaten auf den Bahnhöfen, Sammeln für den Buntmetallbedarf der Armee oder Ernteeinsätze in den Weinbergen und Kriegsgemüsegärten. Und wenn schon kindliches Spielen, dann sind da ja auch Kinderbücher geeignet, wie etwa "Wir spielen Weltkrieg".

Requiem für die Phäakenstadt

Alle leiblichen Genüsse schwelgerisch auszukosten, dafür waren die Wiener bekannt. Doch was ist geblieben von der "Phäakenstadt"? Fasching kann es keinen geben im Krieg. Es wäre unschicklich, das Tanzbein zu schwingen, wenn draußen an der Front Tag für Tag Soldaten fallen. Zudem ist keine Kohle vorhanden, um Ballsäle zu heizen. Was war das noch 1914 für ein Trubel, jeder kleine Sparverein veranstaltete ein Kostümkränzchen, an die Nobelbälle mit all ihrer Eleganz und ihren Strömen von Champagner gar nicht zu denken. Und dann erst die Faschingskrapfen! Dazu fehlt Weißmehl, und ohne dieses lässt sich solch ein flaumiges Gebilde gar nicht kreieren. Viel Spaß boten damals auch die Faschingsumzüge in Hernals und Ober St. Veit! Dahin, dahin! Das alles ist kalendarisch erst vier Jahre her, aber gefühlsmäßig eine Ewigkeit. Das gilt genauso für die Firmungszeit. Die mit Schlagobers gefüllten Indianerkrapfen sind nur wehmütige Erinnerung, und kaum ein "Göd" ist mehr in der Lage, seinem Firmkind die obligate goldene Uhr zu schenken. Nicht einmal Luftballons gibt es zu kaufen, denn Gummi ist ausschließlich für die Armee reserviert.
Überhaupt mutet es wie eine Legende an, wenn man an die kleinen Genüsse des Alltags in Friedenszeiten denkt. Frankfurter Würstel mit einem Salzstangerl oder einer reschen Kaisersemmel zum Gabelfrühstück, das war keine exklusive Gewohnheit, ebenso das "kleine Golasch". Nicht einmal im Rathauskeller sind diese Gaumenfreuden mehr zu bekommen.
Jetzt muss ein heiß gemachter Kukuruz (Maiskolben) genügen. Sogar sein heiß geliebtes Kaffehaus wird dem Wiener verleidet, ist doch der Ausschank von Milchkaffee in den Kaffeehäusern seit Dezember 1917 verboten. Man brauche die Milch für Kinder, Greise und Schwerkranke, heißt es amtlich. Auch die Melange ist damit dem Krieg zum Opfer gefallen.