Letzter Glanz der Kaiserstadt

Gibt es noch irgendetwas, das vom Glanz der Kaiserstadt geblieben ist? Ja doch, etwa die Fronleichnamsprozession in der Inneren Stadt. Das Kaiserpaar, begleitet von den prächtig uniformierten Leibgarden, der Arciéren-, der Trabanten- und der Ungarischen Garde, dazu die Hofwürdenträger mit ihren goldbestickten Uniformen. Hier zeigt der Hof zum letzten Mal seine ganze Pracht. Im März feiert Wien die Geburt eines kaiserlichen Prinzen, des "purpurgeborenen" Carl Ludwig, mit 101 Salutschüssen, Beflaggung und Dankgottesdiensten. Auch Kaiser Karls 31. Geburtstag, am 17. August, wird so wie einst mit einer sogenannten Retraite gefeiert. Militärkapellen ziehen, von Lampionträgern begleitet, entlang von vier Routen durch die Stadt. Auch das ist ein Abschied für immer.
"In allen Fugen kracht es", das kann man allerorten spüren. Und so drückt es auch der sozialdemokratische Politiker Karl Leutner in einer Rede im Abgeordnetenhaus aus, in der er mit der missglückten Offensive der k.u.k. Armee am Piave im Juni 1918 scharf ins Gericht geht. Von dieser Rede dringt nichts an die Öffentlichkeit, denn die Sitzung ist geheim. Schon die Massenstreiks Hunderttausender Arbeiter im Jänner dieses Jahres waren ein Menetekel an der Wand. Ausgelöst wurden sie durch eine Kürzung der Mehlration. Immer stärker treten politische Forderungen bei diesen Streiks hervor. Die alten Autoritäten der Monarchie fürchten das Beispiel der bolschewistischen Machtübernahme in Russland. Mit dem Spätsommer werden die Anzeichen des bevorstehenden Untergangs des Habsburgerreiches immer deutlicher. Der wohlmeinende, aber ungeschickt agierende junge Kaiser Karl tritt die Flucht nach vorne an. Zu spät erlässt er das Völkermanifest, das den Nationen der österreichischen Reichshälfte die Bildung von Nationalräten gestattet. Die deutschösterreichische Nationalversammlung wird rasch zur Basis für die Gründung der Republik, die nach dem Machtverzicht des Kaisers am 12. November 1918 Wirklichkeit wird. Die einst stolze k.k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien ist in diesem letzten Kriegsjahr zur Metropole am Bettelstab herabgesunken. Politisch steht ihr nach dem Sturz aus einst lichten Höhen ein steiniger Weg der Selbstfindung bevor.