Aufgeladene Wörter

Charakteristisch für die Sprache des Nationalsozialismus ist nicht zuletzt das Aufladen mit Wörtern oder Wortbestandteilen, die Macht, Gewalt und Bewegung signalisieren, vor allem in Zusammenhang mit der Zwangsgermanisierung von Fremdwörtern, um Sprache und Volk deckungsgleich zu machen. So kommt es zum "Kraftwagen" für das (lateinische) Auto und zum "Kraftrad" für das (teilweise lateinische) Motorrad. Der "Führer" hat als jemand, der in eine Richtung lenkt, mehr Dynamik als ein statischer "Vorsitzender". Reiht sich der heutige "Wutbürger" in dieses Wortbildungsmodell ein? Muss man bei der "totalen Schlappe" zusammenzucken, weil sie eine Parallelkonstruktion zum "totalen Sieg" sein könnte?

Oder kommt man dann vom Hundertsten ins Tausendste und gönnt den Nationalsozialisten zu viel Ehre, wenn man die Sprachkritik immer öfter unter diesem Aspekt sieht? Und gönnt man den Nationalsozialisten nicht einen nachzeitlichen Triumph, wenn man sich von ihnen Sprache wegnehmen lässt?

Andererseits ist heute kein Platz mehr für die menschenverachtenden Wörter und höhnischen Euphemismen des NS-Vokabulars: Eine "Reichskristallnacht" etwa war eine Pogromnacht, nichts anderes. Dass es freilich vor allem gilt, im Denken aufzuklären, und mit dem aufgeklärten Denken die Reinigung der Sprache von selbst eintritt, wie es in der Geschichte stets geschehen ist, sei umso nachdrücklicher ins Gedächtnis gerufen.

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