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Am 12. Mai 1945 hörte ich über meinen Detektor, den ich heimlich im Lager hatte, dass Österreich eine Regierung hat und die Rote Armee den Wienern eine Mai-Spende in Form wurmiger Erbsen geschenkt hatte. Die SS-Aufsicht des Lagers Mauthausen war stiften gegangen. Damit war klar, wir verlassen unser Zwangsarbeiterlager in St. Georgen/Gusen und brechen nach Wien auf.

Zu sechst verließen wir unsere Baracke und wanderten nach Altaist. Beim Schuster hatte einer von uns Frau und Kind vor den Bomben gesichert untergebracht. Dort bekamen wir Suppe und ein Nachtlager auf Strohsäcken. Fast ein Luxus! Bald wussten wir, wo es einen Donau-Übergang gab, und zwar ein Trajekt. Meine Floridsdorfer Kameraden blieben links der Donau. Ich begab mich mit Peter Rühm rechts der Donau nach Enns. Am Bahnhof gab es im Wartesaal Bänke zum Schlafen. Vom Bahnhofsvorstand gab es die Nachricht, dass er am nächsten Tag den Zug nach Wien erwartet.

Mit KZ-lern in Viehwagons

Der Zug kam wirklich. Seine drei Viehwaggons waren voll mit Zwangsarbeitern und KZ-lern. Peter und ich kletterten aufs Waggondach und hörten zwei KZ-ler durch die Wagentür reden, dass sie nach St. Pölten wollen. Ich rief hinunter: "Da haben wir denselben Weg, gehen wir miteinander!"

In St. Leonhard am Forst war Schluss, die Sowjetarmee brauchte den Zug, die Waggons wurden geräumt. Es wurde ein Treck gebildet und in Richtung Osten getrieben. Meine zwei KZ-ler hielten sich an mich und ich sagte ihnen: "Ich habe keine Lust, bis Odessa zu marschieren, bei der ersten Gelegenheit hauen wir ab!"

Nach ein paar Kilometern kamen wir zu einer großen Wiese im Wald, mit zwei Heustadln. Ich sah ein Gewitter aufziehen und sagte: "Jehova tut ein Wunder!", denn es begann zu schütten. Die Sowjets flüchteten in einen Stadl, wir in den anderen. Dann kamen noch drei Wehrmachtssoldaten in Räuberzivil dazu und zwei Wehrmachtshelferinnen. Ich sagte: "Sobald es zum Schütten aufhört, reißen wir Bretter aus der Hinterwand und verschwinden!"

Befehlsgewalt

Gesagt, getan, die Soldaten brauchten einen Befehl. So rief ich: "Los geht’s!" Wir sahen dann eine Freileitung, von der wir annahmen, dass sie nach St. Pölten führt. Nun waren die drei Soldaten besser zu Fuß als meine zwei KZ-ler. So gingen wir zu einem Bauernhaus, wo uns eine Bäuerin auch einließ. Ich machte ihr den Vorschlag: "Nehmen Sie die zwei KZ-ler ein paar Tage auf, die werden Sie schützen, wenn Soldaten zudringlich werden. Sie können sie mit Einbrennsuppe aufpäppeln, denn schwere Kost vertragen sie noch nicht!" Wir verabschiedeten uns von Tennenbaum und Radek mit dem Versprechen: "Auf’s Jahr in Jerusalem!"

"Der Bua is da!"

In St. Pölten hörten wir, dass irgendwann ein Zug nach Wien fahren würde, was dann tatsächlich der Fall war. Wir hatten sogar in einem Personenwaggon Platz, aber in Hütteldorf war Schluss - der Westbahnhof war zerstört. Nun trennten wir uns, Peter ging nach Mariahilf und ich über den Flötzersteig nach Sandleiten.

Als ich über die Mauer in unseren Gemeindebau geklettert war, sah ich die offenen Fenster unserer Wohnung. Ich rief: "Papa! Mama!" Mein Vater schaute herunter und rief: "Der Bua is da!" Das war das Ende meiner Anabasis. Es dauerte 20 Jahre, bis ich mein Versprechen "Auf’s Jahr in Jerusalem!" verwirklichen konnte - ich besuchte mit Anton Benya den israelischen Gewerkschaftsbund und fragte Präsident Kesar, ob er mir helfen könne, den Tennenbaum zu finden, der 1945 eingewandert war. Kesar sagte, das seien gut und gerne ein paar Dutzend Tennenbaums, die 1945 eingewandert seisen, und die lebten verstreut in Israel.

So blieb mir nichts übrig, auf ein zweites Wunder zu hoffen, dass nämlich Tennenbaum gleichzeitig an seinen Freund Heinz denkt und wir uns dann sozusagen im Geiste in Jerusalem getroffen haben.

Dr. Heinz Kienzl

(Jg. 1922), ehem. Gen.-Dir. der Nationalbank

1090 Wien