Natürlich gab es auch unter den Christlichsozialen Anhänger des "Anschlusses", sie waren allerdings nicht so prominent wie jene aus dem großdeutschen und sozialdemokratischen Lager. Die Christlichsozialen kannten die Stimmung in der Bevölkerung und traten daher nicht offen gegen den "Anschluss"-Gedanken auf, sie engagierten sich allerdings kaum in den Organisationen wie etwa im Österreichisch-Deutschen Volksbund, der eindeutig von den Sozialdemokraten dominiert wurde. Im christlichsozialen Wahlprogramm 1919 fand sich kein Hinweis auf den "Anschluss", in weiterer Folge vertraten die entscheidenden Persönlichkeiten eine enge kulturelle und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Deutschland, allerdings auf der Basis eines selbständigen, lebensfähigen Österreichs. Durch die von Bundeskanzler Ignaz Seipel erreichte Genfer Sanierung schien sich - vor allem auf christlichsozialer Seite - doch so etwas wie ein neuer österreichischen Patriotismus entwickelt zu haben.

Im Ständestaat spielte die Stärkung des Österreich-Bewusstseins als Gegengewicht zum nationalsozialistischen Deutschland eine wichtige Rolle. Österreich galt zwar weiter als "deutsches" Land, allerdings wurden seine eigenen Leistungen, seine Kultur und Geschichte bewusst stark hervorgehoben und dienten zur Legitimierung des autoritären Systems.

1938 war "Österreich" nur noch ein historischer Begriff

In der Euphorie des März 1938 schien jedes "Österreich"-Bewusstsein verschwunden zu sein, "Österreich" war nur noch ein historischer Begriff und musste der "Ostmark" weichen. Renner bot den Nazis sogar an, in einer Plakataktion und in Zeitungen Propaganda für ein "Ja" bei der "Anschluss"-Abstimmung zu machen. In einem Interview begrüßte er "die große geschichtliche Tat des Wiederzusammenschlusses der deutschen Nation" mit "freudigem Herzen" und erklärte, mit "Ja" zu stimmen. Er ergänzte später, dass er diese Erklärung "spontan und in voller Freiheit" und im Wissen der Wirkung auf seine ehemaligen Parteigenossen abgegeben habe. Und das in Kenntnis dessen, was Hitler in Deutschland seit 1933 angerichtet hatte, und im Wissen, dass die ersten KZ-Transporte auch mit prominenten Genossen bereits unterwegs waren. Ein KZ-Häftling in Dachau erinnerte sich später, wie er und seine Leidensgenossen völlig demoralisiert auf der Lagerstraße höhnisch von den Bütteln der SS darüber informiert worden waren, dass Renner und im Übrigen auch die österreichischen Bischöfe ihr freudiges "Ja" zum Anschluss abgegeben hatten.

Der Deutschnationalismus hatte sein Ziel erreicht, aber spätestens 1939 machten sich schon die ersten Frustrationserscheinungen aufgrund der Spannungen zwischen den "Altreichsdeutschen" und den "Ostmärkern" bemerkbar. Zu groß waren die Unterschiede zu den neuen, reichsdeutschen Herren, die die "Ostmärkern" ihre Überlegenheit spüren ließen. Daraus entwickelten sich Österreich-Tendenzen, die schließlich nach 1945 zu einem österreichischen Nationalbewusstsein auf breitem gesellschaftlichem Konsens führten.

Deutschnational waren sie alle irgendwie - allerdings macht es in der heutigen Beurteilung einen Unterschied, ob dies vor oder nach Kenntnis des menschenverachtenden Hitler-Regimes der Fall war.