Wie dies zum Beispiel bei der "Neuen Freien Presse" ablief, schilderte der Journalist Theodor F. Meysels: Das Redaktionsgebäude war bald von Schwerbewaffneten "bewacht", zwei "fabelhaft uniformierte Herren haben ein Zimmer neben dem Chef bezogen. Sie machen einen Rundgang durch alle noch bewohnten Zimmer und proklamieren, daß (. . .) jede Nachlässigkeit im Dienste als Sabotage betrachtet wird. Prost Mahlzeit!" Wenige Wochen später nimmt sich Chefredakteur Stefan von Müller nach mehreren Gestapo-Verhören das Leben.

Nicht wenige seiner Berufsgenossen wählen diesen letzten Ausweg, um der Verhaftung zu entrinnen. Andere gehen ins Exil. Wieder andere arbeiten sogar noch eine Zeitlang unter dem neuen Regime weiter. Aufgrund der hohen Anzahl an jüdischen Journalisten war es kaum möglich, von heute auf morgen gänzlich auf sie zu verzichten.

Auch beim "Neuen Wiener Tagblatt" taucht ein uniformierter Trupp auf und wirft Emil Löbl, Chefredakteur seit 1917 und davor acht Jahre lang Leiter der "WZ", aus der Redaktion. Löbl, wie der Großteil der "Tagblatt"-Redaktion jüdisch, hatte sich getraut, noch eine Würdigung des Kanzlers Kurt Schuschnigg im Blatt vom 12. März zu bringen.

Löbl kam mit Frau und Tochter ins Gestapo-Gefängnis, man "plünderte die Wohnung und versiegelte sie bis auf ein Zimmer, in dem sie zu dritt nach ihrer Enthaftung ihr Leben einzurichten hatten", so Medienhistoriker Wolfgang Duchkowitsch. Löbl starb noch 1942 im Rothschildspital in Wien und entging so knapp der Deportation. Beim Begräbnis auf dem Schwechater Friedhof versammelte sich eine "beschämend kleine Schar", wie Rudolf Holzer in einem 1946 in der "WZ" publizierten Nachruf beklagte. Die ebenfalls schon kranke Witwe Löbls wurde nach Theresienstadt deportiert und ermordet.

Und wie verlief die Nacht vom 11. auf den 12. März 1938 in der "Wiener Zeitung"? "Das Geheul der Siegestrunkenen", erinnerte sich der einstige Chefredakteur Ferdinand Reiter Jahre später, "drang auch manchmal in die stille Bäckerstraße", damals Sitz des Blattes. "Plötzlich stürmte ein externer Mitarbeiter herein, der mit anderen Redaktionen Fühlung hatte, und war verwundert, mich und die anderen noch sitzen zu sehen." Sogar die telefonische Leitung ins Ausland funktionierte noch, wie man erstaunt feststellte, als der Korrespondent aus Paris anrief. Die kleine Redaktion - sie bestand aus einer Handvoll Leute - stellte abends unbehelligt die Ausgabe für den 12. März fertig.

Auf Seite 1, unter dem Titel "Ergreifende Abschiedsworte des Kanzlers", prangte Schuschniggs Ansprache, die gerade im Radio verklungen war - typographisch hervorgehoben die Schlussworte: "Gott schütze Österreich!"

"Z.W.A.N.G."

Am nächsten Tag musste man feststellen, dass es in der Nacht sehr wohl noch einen erzwungenen Eingriff in das Blatt gegeben hatte: Nachdem ein Teil der Auflage schon gedruckt war, musste das technische Personal die Schuschnigg-Rede aus der Druckplatte stemmen: An der Stelle klaffte nun ein weißer Fleck.