Die Situation der österreichischen Presse hatte sich über Nacht schlagartig geändert, wie Duchkowitsch und Hausjell in einem Artikel erläuterten: "Nach dem Schriftleitergesetz politisch und ,rassisch‘ überprüft, wurden Journalisten unter der NS-Herrschaft durch ein System von ,Presseanweisungen‘, ,Vertraulichen Informationen‘ und ,Pressekonferenzen‘ zu willfährigen, dem faschistischen Staat in beamtenähnlicher Stellung verpflichteten Propagandisten." Die Lage der "WZ" war zu diesem Zeitpunkt eine besondere, hatte sie doch schon Dollfuß zum Sprachrohr seines Regimes gemacht.

Reiter, ein Christlichsozialer, der im "Ständestaat" die Nachfolge Holzers angetreten hatte, blieb nach dem März 1938 vorerst Chef der "Wiener Zeitung". Über die Situation nach dem "Anschluss" äußerte er sich so: "Gottseidank war nichts mehr zu schreiben; denn alles wurde ins Haus geliefert." Wie jedes andere Blatt wurde auch die "WZ" von der NS-Herrschaft für ihre Hetze benutzt.

Im August wurde Reiter abgesetzt und Lambert Haiböck zum "Hauptschriftleiter" ernannt. Als solcher hatte er jedoch nur noch die Liquidierung abzuwickeln. Das prononciert österreichische Blatt war den Nazis ein Dorn im Auge. Einen willkommenen Grund für die Einstellung bot auch das Amtsblatt. Die beträchtlichen Einnahmen aus den Pflichteinschaltungen gönnte man lieber dem "Völkischen Beobachter".

Solange es den redaktionellen Teil gab, schrieb auch Holzer weiter seine Theaterkritiken. Dem Zeitgeist entsprechend, wird in den mit "R. H." gezeichneten Artikeln immer wieder das Deutschtum beschworen. Mit Hitler hatte der bürgerliche Journalist aber nichts am Hut. Einmal, so berichtete er im Nachhinein, musste er über das "jüdische Theater" schreiben - ein Auftrag, den er wohl oder übel im Sinne des NS-Regimes auszuführen hatte. Las man aber die Anfangsbuchstaben der fünf Absätze des Textes, ergab sich ein Wort: ZWANG.

Der Wiener Publizist wird von allen Seiten als grundsolider Charakter beschrieben. Sogar die politisch völlig anders gesinnte sozialdemokratische "Arbeiter-Zeitung" sang ihm 1950 zum 75. Geburtstag ein Loblied. Darin heißt es: "Wie keinen aufrechten Menschen mit anständiger Gesinnung hat auch ihn die Nazibarbarei nicht verschont, und er wie auch seine Frau haben die Marterbunker der Gestapo kennengelernt."

"Nur Piefke"

In einem Brief an Arthur Schnitzlers Sohn Heinrich schrieb Holzer im Juni 1939: "Ich lebe ein zweck- und inhaltsloses Leben. Seit (. . .) mein eigenes Blatt, die Wiener Ztg (. . .) über höchsten Befehl verschwand, habe ich nichts mehr veröffentlicht. Wo denn? Und wozu denn? Ich erhielt zwar von einem gegenwärtigen Abendblatt ein Angebot, aber ich bedankte mich . . ." Über das Volkstheater klagte der vom Geist der einstigen Donaume-tropole Beseelte: Bis auf einige Ausnahmen seien "nur Piefke" dort. Und: "Wer und was altes Wien ist, lebt in einem förmlichen Traumzustand, (. . .) und jeder wartet nur von Tag zu Tag!"