In der Diskussion um einen möglichen militärischen Widerstand wird gern übersehen, dass es 1. keinen politischen Willen für einen solchen Schritt gab: Die Nationalsozialisten hatten praktisch schon die Macht im Lande übernommen, 2. keine funktionsfähige Regierung mehr gab, und 3. die Truppe von "illegalen Elementen", sprich Nationalsozialisten, durchsetzt war. Eine andere Frage ist, was wohl geschehen wäre, wenn Schuschnigg mit der Regierung ins Exil gegangen wäre und die Alliierten in ihrer Nachkriegsplanung auf diese Regierung hätten zurückgreifen können.

Am 11. März um 23.00 Uhr wurde Seyß-Inquart von Miklas zum neuen Bundeskanzler ernannt. Obwohl der Sieg der österreichischen Nationalsozialisten damit vollständig war, änderte dies nichts an der von Hitler um 20.45 Uhr unterzeichneten Weisung Nr. 2, am 12. März bei Tagesanbruch mit dem Einmarsch zu beginnen; die letzte Ungewissheit auf Seiten Hitlers wurde am späten Abend beseitigt, als aus Rom mitgeteilt wurde, Mussolini habe nichts gegen die Aktion.

Der Jubel der Österreicher beim Einmarsch der deutschen Truppen am 12. März übertraf alle Erwartungen und trug zu Hitlers Entschluss bei, den "Anschluss" sofort durchzuführen, ohne die zunächst beabsichtigte Übergangsregelung abzuwarten. Als letzten Akt seiner zweitägigen Kanzlerschaft unterzeichnete Seyß-Inquart am 13. März in Linz das Gesetz über die "Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich". In London fragte man sich später, ob die Österreicher vergewaltigt oder verführt worden seien.

Neben Begeisterung und viel Opportunismus gab es damals auch Österreicher, die mit dem, was da geschah, nicht einverstanden waren - auch wenn sie weitgehend unbemerkt blieben, denn Himmlers Schergen griffen schnell zu; die Öffentlichkeit sah nur Bilder vom Jubel und von Hitlers Auftritt am 15. März auf dem Heldenplatz in Wien. Wo noch Skepsis herrschte, wurde sie in den Wochen bis zur Volksabstimmung am 10. April von einem bisher nicht dagewesenen Propagandafeldzug erstickt.

Die katholischen Bischöfe begrüßten es, "dass durch das Wirken der nationalsozialistischen Bewegung die Gefahr des alles zerstörenden gottlosen Bolschewismus abgewehrt wurde"; Kardinal Innitzer unterzeichnete die Botschaft mit "Heil Hitler". Karl Renner erklärte: "Obschon nicht mit jenen Methoden, zu denen ich mich bekenne, errungen, ist der Anschluss nunmehr doch vollzogen, ist geschichtliche Tatsache; und diese betrachte ich als wahrhafte Genugtuung für die Demütigungen von 1918 und 1919 [. . .] Als Sozialdemokrat und somit als Verfechter des Selbstbestimmungsrechtes der Nationen, als erster Kanzler der Republik Österreich werde ich mit ‚Ja‘ stimmen."

Wer wollte als Katholik oder Sozialist bei solchen "Vorgaben" noch mit "Nein" stimmen? Die "Empfehlung" war auf den Stimmzetteln nicht zu übersehen: da gab es einen großen Kreis für Ja und einen kleinen für Nein. Entsprechend war denn auch das Ergebnis. Auf die Frage: "Bist Du mit der am 13. März 1938 vollzogenen Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich einverstanden und stimmst Du für die Liste unseres Führers Adolf Hitler?" gab es 4.453.772 (= 99,73 Prozent) Ja-Stimmen, 11.929 Nein-Stimmen und 5776 ungültige Stimmzettel. Dabei ist davon auszugehen, dass es Wahlfälschungen im großen Stil nicht gab - sie waren unter den gegebenen Umständen auch gar nicht nötig. Bei seinem Wahlauftritt am 5. April 1938 in Innsbruck wurden Hitler die Stimmzettel der 1921er-Abstimmung überreicht - als Zeichen von Kontinuität, die es so nie gegeben hatte.