Bei vielen Österreichern trat schon bald Ernüchterung ein. Hitler hatte die österreichischen Nazis nie besonders gemocht, aus diesem Grund übernahmen Nationalsozialisten aus dem "Altreich" führende Positionen in Österreich. Bis Dezember 1938 befanden sich rund 21.000 Österreicher in "Schutzhaft"; etliche von ihnen wurden ins Konzentrationslager Dachau eingeliefert; der erste Transport fand bereits am 1. April statt. Es gab systematischen Terror und Racheakte und schlimme antisemitische Ausschreitungen.

Von März bis Mai nahmen sich allein in Wien 203 Juden das Leben (im gleichen Zeitraum ein Jahr zuvor waren es 19 gewesen). Am 8. Mai wurde auf Weisung Hitlers mit der Errichtung des Konzentrationslagers Mauthausen begonnen.

Aus Österreich wurde erst die "Ostmark", dann "Alpen- und Donaugaue". Von der Höhe einer reichen Kulturnation sank das Land in Provinzialismus ab. Dies wollte von jenen, die beim "Anschluss" gejubelt hatten, wohl niemand. Für viele galt denn auch, was der spätere Bundespräsident Adolf Schärf einem Vertreter des deutschen Widerstandes 1943 sagte: "Der ‚Anschluss‘ ist tot, die Liebe zum Deutschen Reich ist den Österreichern ausgetrieben worden."

Opfer und Täter

Im selben Jahr bezeichneten die späteren Sieger in Moskau Österreich als "erstes Opfer der Hitler’schen Aggression" und erklärten den "Anschluss" für "null und nichtig". Diese "Moskauer Deklaration" wurde 1945 dann gleichsam die Gründungsurkunde der Zweiten Republik, gleichzeitig aber auch zur Geburtsstunde des österreichischen Opfermythos. Wenn die Alliierten Österreich als Opfer bezeichnet hatten, musste es ja wohl stimmen. Und Opfer konnten nicht gleichzeitig Täter sein! Hier wurde einiges bewusst durcheinander gebracht.

Was bleibt nach 80 Jahren?

Unbestritten ist: Österreich war als Staat Opfer gewesen. Unbestritten ist: Der Staat leistete keinen Widerstand. Unbestritten ist: Die große Mehrheit der Österreicher bejahte und bejubelte den "Anschluss" - auch in der Hoffnung auf Arbeit. Unbestritten ist: Die ersten Opfer des "Anschlusses" waren die jüdischen Mitbürger. Unbestritten ist: Die, die jubelten, wollten keinen Krieg. Und viele taten in diesem Krieg ihre "Pflicht" - und viele wurden zu Opfern. Unbestritten ist aber auch: Viele in diesem Krieg wurden zu Tätern. Das anzuerkennen, dauerte allerdings viele Jahrzehnte.

Die Sieger hatten 1943 auch den Wunsch geäußert, nach dem Krieg "ein freies und unabhängiges Österreich wiederhergestellt zu sehen". Darauf musste Österreich aber lange warten: erst 1955 wurde es mit dem Staatsvertrag frei und unabhängig und gleich auch noch - allerdings nicht ganz freiwillig - neutral.