Der kommunistische Sturm auf das Parlament missglückte, doch die Toten und Verletzten sollten sich als schlechtes Omen für den jungen Staat herausstellen. Die österreichische Revolution war im Gegensatz zu jener in Prag blutig verlaufen.

Ein Grund für die rasche Wiener Entscheidung für die Republik und den dann doch nicht zustande gekommenen Anschluss lag indes in Prag. Die neue tschechoslowakische Führung dachte nämlich nicht daran, den Forderungen der Deutschösterreicher nach der Einbeziehung der mehr als drei Millionen Deutschböhmen und Deutschmährer (bald Sudetendeutsche genannt) zu erfüllen. Prag hielt den neuen tschechoslowakischen Staat nur mitsamt den deutschböhmischen Industrie- und Rohstoffzentren lebensfähig. Die Wiener Hoffnung auf Hilfe aus dem Deutschen Reich für die Sudeten erfüllten sich indes ebenso wenig wie die Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker.

Die Tschechen (und mit ihnen im Schlepptau die Slowaken) galten als Sieger, Deutschösterreich als Verlierer des Weltkriegs. Und dies, obwohl man noch kurz zuvor in einer gemeinsamen Armee gekämpft hatte. Den Siegerstatus verdankte die Tschechoslowakei indes nicht dem Wirken ihrer Politiker zu Hause, sondern der sogenannten "Auslandsaktion", wo der emigrierte Reichsratsabgeordnete Tomá G. Masaryk und seine beiden Adepten Edvard Bene und der Slowake Milan Rastislav Stefanik die Entente in einem zähen Ringen davon überzeugen konnten, dass die Zerstörung der Monarchie und die Gründung der Tschechoslowakei auch in ihrem Interesse läge: "Keine Schwäche, sondern unnachgiebig die völlige Selbstständigkeit von den Habsburgern fordern. (. . .) Unsere Deutsche werden die Ohren hängen lassen. . .", telegraphierte Masaryk, dem es 1915 gelang, aus mehreren Zehntausend Tschechen und Slowaken im Ausland eine "Legion" zu bilden, die auf der Seite der Entente gegen das verhasste Österreich zu kämpfen gewillt war.

So war nach den Umstürzen 1918 die Rollenverteilung in Mitteleuropa klar: Hier die mit dem Segen der Siegermächte gegründete Tschechoslowakei, dort das aus der Not und dem Gefühl des "Übergebliebenseins" geborene Österreich, das zwar auf das Attribut "deutsch" im Staatsnamen verzichten musste, seinen vorgeblich deutschen Charakter aber bei jeder Gelegenheit betonte. Hier Demokratie und Republik als Resultat des Sieges und nationalen Konsenses, dort als Resultat der Niederlage und schon bald zwischen den politischen "Lagern" "heiß umfehdet und wild umstritten".

Die neue Republik Tschechoslowakei (ČSR) erlebte eine Phase der wirtschaftlichen und kulturellen Prosperität, in Prag wurden ganze Stadtviertel im Geist und Stil der Moderne aus dem Boden gestampft. Unter der Parole von der "Entösterreicherung" sollte der "kleine tschechische Mensch" jetzt zum Träger der großen Ideen des Staatsgründers Masaryk werden, der in Anlehnung an die Jahrhunderte zurückliegende Vergangenheit dort anknüpfen wollte, wo die Hussiten hatten aufhören müssen.