In der Tschechoslowakei erfüllte diese Rolle die Sudetendeutsche Partei. Diese war nach den Wahlen 1935 die stimmenstärkste im Staat, in der der nationalsozialistische Flügel immer mehr an Macht gewann und sich in der Person Konrad Henleins schließlich Hitler bedingungslos zur Verfügung stellte. Es folgten die Erpressungen Hitlers an Schuschnigg und der Einmarsch im März 1938. Nur ein halbes Jahr später wiederholte der deutsche "Führer" das Spiel mit der Tschechoslowakei, die ihre deutschen Gebiete abtreten mussten. In beiden Fällen hatten die Westmächte am Weiterbestand der von ihnen 1918/19 herbeigeführten mitteleuropäischen Ordnung das Interesse verloren.

Auch das Bündnisabkommen der ČSR mit Frankreich erwies sich im Ernstfall als wertlos. Gegen eine Garantieerklärung für den Reststaat stimmte der herumlavierende Bene der Gebietsabtretung zu, ohne der im Vergleich zum österreichischen Bundesheer viel stärkeren Armee den Einsatzbefehl zu geben. Danach verließ er das Land. Knapp ein halbes Jahr danach besetzte Hitler auch die verächtlich genannte "Rest-Tschechei", nachdem sich die Slowaken für unabhängig erklärt hatten.

Während jedoch der ehemalige österreichische Kanzler Schuschnigg da bereits im KZ saß, blieb der Bene-Nachfolger Emil Hácha im Amt und nahm gemeinsam mit den Okkupanten die Wehrmachtsparade in Prag ab. Gleichzeitig jubelten Massen von Österreichern der Wehrmacht zu, während in Böhmen und Mähren Wut und Betroffenheit überwogen.

Bürger zweiter Klasse

Österreicher und Tschechen dienten für die nächsten sechs Jahre wiederum dem gleichen Regime, doch mit verteilten Rollen. Die Österreicher wurden in die nationalsozialistische "Volksgemeinschaft" integriert, mussten bald Kriegsdienst leisten, kamen aber wie die "Reichsdeutschen" in den Genuss der Aufstiegschancen innerhalb des Systems. Dagegen oblag es den Tschechen, gleichsam als Bürger zweiter Klasse den Fortgang der Rüstungsindustrie und Landwirtschaft im "Protektorat Böhmen und Mähren" zu sichern. Widerstand gegen das Regime wurde da wie dort streng geahndet, Juden und Roma aus beiden Staaten vertrieben und ermordet.

Doch wie im Ersten Weltkrieg gelang es Bene im Exil, die zunächst skeptischen Alliierten vom Ziel einer Wiedererrichtung der Tschechoslowakei zu überzeugen, sodass er 1945 als gefeierter Triumphator nach Prag zurückkehren konnte. Österreich dagegen stand nach der Befreiung vom NS-Regime nicht nur unter Besatzungsherrschaft, sondern musste auch um seine territoriale Einheit bangen. Unter diesen Umständen mutet es wie eine Laune der Geschichte an, dass nicht Österreich, sondern die neuerliche Siegermacht Tschechoslowakei 1948 nach einer von Benes sanktionierten Machtübernahme der Kommunisten, die bereits bei den Wahlen 1946 40 Prozent der Stimmen erhalten hatten, den Weg in den Stalinismus ging und für die nächsten 40 Jahre hinter dem "Eisernen Vorhang" verschwand.

In den kommenden Jahren wurde wieder ein 8er Jahr gefeiert, allerdings nicht mehr die Staatsgründung 1918, sondern das Jahr der KP-Machtübernahme 1948. Und diese 40 Jahre KP-Herrschaft sind wohl auch ein Grund dafür, dass trotz der pompösen Feierlichkeiten zum 100. Gründungstag der Tschechoslowakischen Republik, die für die nächsten Tage in Prag geplant sind, ein großer Teil der Tschechen meint, dass es ihnen im Falle des Fortbestands der Monarchie heute besser gehen würde.