Die Bedeutung der einzelnen Bühnen für die Regionen mag unterschiedlich sein, aber sämtliche Spielorte erfassten seismografisch die zunehmenden Erschütterungen des Vielvölkerstaates und der darauf folgenden Katastrophen.

Das Spektrum der gesellschaftspolitischen Relevanz lässt sich besonders gut am Beispiel von Budapest und Prag aufzeigen. Ende des 19. Jahrhunderts wurde das deutschsprachige Theater in Budapest zum Politikum, es kam zu Problemen mit der Zensur und Protestaktionen nationalistisch gestimmter Studenten; fallweise wurde Polizeischutz aufgeboten, um die Vorstellungen vor Zwischenfällen zu schützen. 1889 fiel das Theater einem Brand zum Opfer; Brandstiftung konnte nie ganz ausgeschlossen werden. Für die Unabhängigkeitsbestrebungen der Ungarn, die sich auch gegen Institutionen der deutschsprachigen Bevölkerung richteten, war es ein willkommener Anlass, das deutsche Theater zu schließen (und kein neues mehr aufzubauen).

Wanderbewegungen

Nach Wien und Budapest war Prag um die Jahrhundertwende die drittgrößte Stadt der österreichisch-ungarischen Monarchie. Die deutschsprachige Minderheit war hier kulturell und wirtschaftlich äußerst einflussreich, fest entschlossen, die Eigenständigkeit zu bewahren. In Prag gab es daher mehrere deutschsprachige Theater, von Karlsbad bis Bratislava wurden in fast jedem größeren Ort deutsche Stücke gezeigt.

Nach dem Sturz der Doppelmonarchie musste die Stellung der Bühnen in der jungen tschechoslowakischen Republik zwar neu definiert werden, dennoch herrschte weiterhin reges Interesse an deutschsprachigen Inszenierungen. Da die neue Regierung in ihrer Minderheitenpolitik vergleichsweise liberal war, gab es in den Zwischenkriegsjahren hier eine Theaterszene, die sogar der Wirtschaftskrise trotzte.

1933, nach Hitlers Machtergreifung in Berlin, waren viele Künstler zum Wanderleben kreuz und quer durch Europa gezwungen. Die Tschechoslowakei wurde für viele Flüchtlinge (darunter berühmte Schauspieler wie Albert Bassermann, Fritz Kortner, Ernst Deutsch) zu einer ersten Anlaufstelle auf dem langen Weg in die Emigration. Die Theaterhistorikerin Jitka Ludvová beschreibt in ihrem Standardwerk "Bis zum bitteren Ende: Prager deutsches Theater 1845 - 1945", wie der damalige Intendant Paul Eger verfolgte Theatermacher engagierte, für Ludvová der "größte Verdienst des Theaters in den letzten Jahren seines Bestehens". Im Dezember 1933 notierte ein Rezensent anlässlich eines "Don Carlos"-Gastspiels in Prag: "Deutsche Schauspieler, deren Ruhm viele Jahre lang Deutschlands Ruhm gewesen ist, reisen als wandernde Schauspieltruppe von Ort zu Ort, von Land zu Land. Diese Schauspieler, die im heutigen Deutschland nicht auftreten können oder wollen, haben sich zusammengetan, um der deutschen Kunst außerhalb Deutschlands zu dienen."

Die Zeit der Exiltheater währte indes nur kurz. Wer bis März 1939 die Tschechoslowakei nicht verlassen konnte, saß in der Falle. Autorin Lili Grün, die in ihrem Roman "Zum Theater" den Alltag der tschechischen Provinztheater so treffend festhielt, fiel dem NS-Verfolgungsapparat zum Opfer; die jüdisch-österreichische Schriftstellerin wurde 1942 ermordet. In den wenigen verbliebenen deutschsprachigen Spielstätten fiel dann Ende des Zweiten Weltkriegs der letzte Vorhang.