K.u.k. Beamter mit "WZ". (Quelle: "Wr. Bilder", 1898. Repro/Kol.: Ph. Aufner)
K.u.k. Beamter mit "WZ". (Quelle: "Wr. Bilder", 1898. Repro/Kol.: Ph. Aufner)

Mehr als zwei Jahrhunderte war unser Blatt die Chronistin einer europäischen Großmacht. Als 1918 von einem Tag auf den anderen etwa sieben Achtel der Monarchie wegfielen und nur mehr die kleine Republik (Deutsch-)Österreich mit einem "Wasserkopf" als Hauptstadt übrig blieb, musste das auch für die "Wiener Zeitung" Folgen haben. Mit stark verringerter Reichweite standen schmerzliche Einschnitte bevor.

Doch nicht sofort. Bis 1921 konnte man einen relativ großen Umfang aufrechterhalten. Sogar die feuilletonistische Spätausgabe "Wiener Abendpost" erschien bis zum Ende des Jahres. Danach fiel das Blatt magerer aus, wobei man nach wie vor Akzente im Bereich Kultur setzte.

Im Herbst 1918 war Dr. Friedrich Sträßle (auch Strässle; 1863-1927) Chefredakteur der "Wiener Zeitung". Der aus einer Württemberger Familie stammende "wackere Schwabe", wie er genannt wurde, war 1917 in diese Position gekommen. Er hatte davor den Amtlichen Teil des Blattes verantwortet und wurde - überraschend - als Nachfolger von Dr. Emil Löbl berufen, der nach acht Jahren an der Spitze der Redaktion zum "Neuen Wiener Tagblatt" wechselte.

Sträßles Vater Josef war ebenfalls "WZ"-Redakteur gewesen. Der Sohn, ein studierter Jurist, hatte als Gehilfe für die Parlamentsberichterstattung begonnen. Er sollte schließlich als hervorragender Kenner Alt-Österreichs gelten. Rudolf Holzer, Chefredakteur 1924- 1933, bezeichnete ihn später wegen seiner Pflichttreue und Genauigkeit anerkennend als "Soldat seines Blattes". Die Leserschaft, zu der auch viele k.u.k. Beamte gehörten, wusste seine penible, sachliche und ausführliche Berichterstattung zu schätzen. (Übrigens: Das Bild rechts zeigt einen Staatsdiener bei der Lektüre der "WZ". Die ursprünglich 1898 in einer Illustrierten erschienene Darstellung wurde von "WZ"-Graphiker Philipp Aufner bearbeitet und koloriert.) Sträßle musste am 31. Jänner 1923 seinen Hut nehmen und die Redaktion in der Bäckerstraße verlassen. In den Räumen des ehemaligen Jesuitenkollegs blieb es turbulent. Der Tiefpunkt folgte etliche Jahre später mit der Einstellung des Blattes durch die Nazis.

N.B. Die "WZ" widmet dem Republiksjubiläum derzeit besondere Aufmerksamkeit, u.a. durch die morgige Beilage "extra" sowie dem "Wiener Journal" am 9. November. Am Samstag, 10. November, präsentiert die "Wiener Zeitung" ihren Leserinnen und Lesern ein historisches Dokument aus dem Archiv: Die zweiseitige Sonderausgabe vom 11. November 1918 mit dem Regierungsverzicht Kaiser Karls sowie dem "Gesetz über die Staats- und Regierungsform von Deutschösterreich".

Ausgeklaubt & einsortiert von Andrea Reisner