Doch dieser Feind blieb trotz des Verlusts von 14 Prozent seines Territoriums immer noch groß und mächtig - und in gewisser Hinsicht vielleicht sogar mächtiger als zuvor. Denn mit Österreich-Ungarn zerfiel jener Staat, der zwar Bundesgenosse Deutschlands war, der aber zugleich auch die kleinen Nationen zwischen Deutschland und Russland politisch vereinte. Diese brüchige Einheit zerstob mit dem Ende der Monarchie. Was blieb, waren meist kleine Nationalstaaten, die sich in Nationalitätenkämpfen aufrieben.

Aber waren es in dem ethnisch gemischten Mitteleuropa auch Nationalstaaten? Die Tschechoslowakei entstand als eine Art Österreich-Ungarn im Kleinen. Man konstruierte mit Mühe eine "tschechoslowakische Nation", die einer immer noch großen deutschen Minderheit von rund drei Millionen Menschen gegenüberstand. 1993 zerfiel dieser Staat. Ungarn verlor weite Teile seines Königreiches, viele Ungarn lebten von nun an im Ausland. Die Wunden des Traumas des Vertrags von Trianon sind heute noch nicht verheilt. Serben, Kroaten und Slowenen begründeten einen eigenen Vielvölkerstaat als "jugoslawischen" Nationalstaat - den es im Zweiten Weltkrieg und erneut in den 1990er Jahren wieder gewaltsam zerriss. Die scheinbare ethnisch-sprachliche Gemeinsamkeit konnte die historisch gewachsenen religiös-kulturellen Gräben zwischen den Balkanvölkern nicht überdecken.

Monarchie hinterließ Leerstelle

Das labile Gleichgewicht zwischen Polen und Ukrainern in der K.u.k.-Zeit kippte bald nach dem Beitritt Galiziens zu Polen, während des Zweiten Weltkrieges kam es zu Massenmorden an Hunderttausenden Menschen und einem brutalen Partisanenkrieg. Die Juden, während der Monarchie meist kaisertreu, wurden erneut zur Zielscheibe ethnisch-nationalen Hasses und fielen dem Holocaust zum Opfer. Und auch beim Zerfall des Osmanischen Reiches brachte das Nationalitätenprinzip inmitten multiethnischer Gebiete den Menschen kein Glück: In Griechenland und der Türkei kam es zu Vertreibungen und brutalen ethnischen Säuberungen. Und im Nahen Osten laboriert man noch heute an recht willkürlich gezogenen Grenzen. Das westeuropäische Konzept des demokratischen Nationalstaates, geboren während der Französischen Revolution unter spezifischen historischen Voraussetzungen, war auf den komplizierten ethnisch-religiösen Flickenteppich im Orient ebenso wenig anwendbar wie auf den in Mittel- und Osteuropa.

Dieser mittelosteuropäische Flickenteppich war es auch, der die Grundlage für ein Paradoxon bildete: Der Versailler Friede, der Deutschland machtpolitisch unschädlich machen sollte, der die Deutschen erbost und "hitlerreif" machte, hatte Berlins Karten nicht erheblich geschwächt. Früher oder später, so der Publizist Sebastian Haffner, musste die gedemütigte ehemalige Beinah-Weltmacht wieder auf die Beine kommen - und mit ihren Ressourcen den Gürtel aus rivalisierenden Kleinstaaten in Ostmitteleuropa beherrschen. Dies vor allem dann, wenn sich das nunmehr kleine Österreich, wie es seinem Willen von 1918 entsprach, dem Deutschen Reich anschließen sollte.