Nicht zuletzt auch deshalb entstanden nach dem Ersten Weltkrieg neue Konzepte eines "Zwischeneuropa". Der polnische Staatschef Jozef Pilsudski wollte ein "Miedzymorze" schaffen, ein "Intermarium" zwischen Ostsee, Schwarzem Meer und Mittelmeer, das an die alte Monarchie erinnert. Dieser Bund sollte in der Lage sein, sich sowohl gegen deutsche als auch und vor allem gegen sowjetische Aggression zur Wehr zu setzen. "Miedzymorze" ist auch in der heutigen polnischen Außenpolitik ein Thema. Die baltischen Staaten, die Ukraine und perspektivisch auch Weißrussland sollten gemeinsam mit anderen Staaten, etwa den Visegrad-Partnern und Rumänien, in der Lage sein, Russland einzudämmen - mit amerikanischer eher als mit EU-Unterstützung.

Denn Brüssel und Berlin gegenüber pocht man im östlichen Mitteleuropa, das nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts mittlerweile ethnisch "flurbereinigt" ist, auf das alte westliche Konzept vom Nationalstaat. Der Stolz, die lange kommunistische Fremdherrschaft abgeschüttelt zu haben, ist - zumindest in Ungarn und Polen - ebenso stark wie die Bindung an ein traditionelles Christentum. Besonders in Polen hat der jahrhundertelange Kampf gegen Teilungen und Fremdherrschaft einen Patriotismus hervorgebracht, dem anders als in Deutschland der Geruch des Angriffskrieges fehlt.

Dort freilich kann Nationalismus nicht als unschuldig empfunden werden. Er weckt Assoziationen an Hitler und den Horror von Auschwitz. Entsprechend stark ist die Abwendung von der alten nationalen Identitätspolitik - und die Hinwendung zu "Europa". Gemeint ist damit die Bereitschaft, auf nationale Souveränität zu verzichten, die im besten Fall als Eigenbrötelei empfunden wird, als ein Anachronismus im Zeitalter der Globalisierung, im schlimmsten Fall als jener Nationalismus, der den Kontinent schon zweimal in den Abgrund gerissen hat.

Linksliberale Vordenker wie der Schriftsteller Robert Menasse oder die Politologin Ulrike Guerot träumen von einer geeinten "Republik Europa" statt der alten Nationalstaaten. Regionen sollten die Nationen ersetzen. Menasse, des Konservatismus unverdächtig, erinnert dabei unter anderem auch an die alte, untergegangene K.u.k.-Monarchie. Angesichts dessen, was auf das innerlich zerstrittene Kaiserreich folgte, erscheint dieses auch vielen Historikern heute eher als eine Art Vorstufe zu einem geeinten Europa denn als "Völkerkerker".

Spaltpilz Einwanderung

Die hohen Erwartungen, die das "Selbstbestimmungsrecht der Völker" ausgelöst hatte, erfüllten sich jedenfalls nicht. Ob sich die übernationalen Ordnungsvorstellungen der EU realisieren lassen, bleibt freilich abzuwarten. Modelle einer funktionierenden multinationalen Demokratie gibt es außerhalb des Sonderfalls Schweiz bisher kaum. Der Monarchie stand mit dem alten Kaiser außerdem eine Vaterfigur samt einem Herrschaftsmythos zur Verfügung, die der EU fehlt.

Dazu kommt in den letzten Jahren und Jahrzehnten die Einwanderung aus außereuropäischen Ländern, die Europas Gesellschaften tief spaltet. Guerots und Menasses Vorschlag, in Europa eigene Städte für die Flüchtlinge zu bauen, dürfte, würde er umgesetzt, kaum zur Beruhigung der Gemüter beitragen. Auch die Gemeinschaftswährung Euro könnte mit dem Programm der neuen italienischen Regierung erneut auf eine ernste Probe gestellt werden. Die Überwindung der Nationalstaaten im Zeichen der EU ist eine mögliche Zukunftsoption. Der erneute Zerfall einer übernationalen Struktur eine zweite.