Wien. Das Klischeebild der Frau war Anfang der 1890er Jahre noch stärker verbreitet als heute. Sie sollte fleißig, pflichtbewusst und stets im Sinne des Familienoberhauptes handeln. Die Kinder sollten betreut und das Haus umsorgt werden. Eine Frau aber wollte schon damals nicht dieses Klischee erfüllen: Anna Boschek. Mit einer Brille, Kurzhaarschnitt und starkem Willen - so trat Boschek damals auf. Als einzige Frau im Gewerkschaftsausschuss kämpfte sie gegen einen ganzen Raum voller Männer an - und gewann. Sie war eine der ersten Frauen, die durch das Frauenwahlrecht 1918 ein politisches Mandat annahm. Heuer jährt sich die Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts am 12. November zum 100. Mal.

Geboren und aufgewachsen ist die Sozialdemokratin 1874 in ihrem bescheidenen Elternhaus in Wien. Nach dem Tod des Vaters im Alter von neun Jahren musste sie die Volksschule abbrechen und zu arbeiten beginnen. Dies sollte ihr im Laufe ihres Lebens immer wieder zum Verhängnis werden, da sie Schwierigkeiten beim Lesen hatte. Vorerst arbeitete sie als Heimarbeiterin und später dann in einer Mundharmonika- und Galvanisierungsfabrik. Bis zu ihrer Volljährigkeit übernahm Anton Hueber, ein angesehener Sozialdemokrat in der Gewerkschaft, die Vormundschaft der jungen Anna Boschek. Sie begeisterte sich früh für Politik. Mit 17 Jahren wurde sie 1891 Mitglied in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. 1893 verschafft ihr Hueber einen Job in der Gewerkschaftskommission, in der sie für die "Gewerkschaftliche Organisierung von Frauen" zuständig ist.

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"Anna Boschek war eine Pionierin im Bereich der Frauenrechte, auch innerhalb der Gewerkschaften", sagt die Historikerin Gabriella Hauch, die an der Universität Wien zu Frauen- und Geschlechtergeschichte forscht, zur "Wiener Zeitung". "In der Gewerkschaft setzte sich Boschek für die Gleichstellung von Frau und Mann ein. Denn Gewerkschaften wollten damals keine Frauen als Mitglieder. Frauen sollten nur zuarbeiten."

Ihren ersten Erfolg konnte sie mit dem leichteren Einstieg für Frauen in die Gewerkschaftskommissionen verbuchen. Auch innerhalb der Sozialdemokraten konnte sie sich beweisen und wurde als erste Frau in den Parteivorstand gewählt.

Zur selben Zeit wurde sie auch zur Herausgeberin der "Arbeiterinnen Zeitung". Die Monatszeitung, auch "sozialdemokratisches Organ für Frauen und Mädchen" genannt, berichtete von den Arbeitserfahrungen erwerbstätiger Frauen. Einzigartig war zu diesem Zeitpunkt, dass die Redaktion der Parteizeitung nur aus Redakteurinnen bestand.

Eine der ersten acht Frauen

Während 1907 das allgemeine Wahlrecht für Männer umgesetzt wurde, mussten sich die Frauen noch mehr als ein Jahrzehnt gedulden. Erst ab 1918 durften Frauen wählen. Als Mitglied der Freien Gewerkschaft zog die junge Boschek 1918 in den provisorischen Gemeinderat Wien ein und arbeitete dort im Ausschuss zur Beratung der Wiener Gemeindeverfassung.

Am 16. Februar 1919 schrieb Anna Boschek Geschichte: Sie wurde als eine der ersten acht Frauen in die konstituierende Nationalversammlung gewählt. Der Frauenanteil war damals mit fünf Prozent noch verschwindend gering. "Dass der Frauenanteil damals so niedrig war, liegt an der dominierenden Gruppe der Männer", sagt Hauch. "Kein Mensch gibt gerne Macht auf", sagt die Historikerin. Dies wirke sogar noch bis heute. Dass im derzeitigen Parlament nur rund 35 Prozent der Abgeordneten weiblich sind, liege an den Strukturen.

In der Nationalversammlung konnte die Gewerkschafterin ihre Herzensanliegen nun auch auf bundesweiter Ebene thematisieren und umsetzen. Sie war federführend am Heimarbeiterinnen-, Hausgehilfinnen-, Hebammen- und Ammengesetz beteiligt. Trotz ihrer Leseschwierigkeiten, arbeitete sie an der Initiierung der Arbeiterkammer, des Achtstundenarbeitsgesetzes und des Arbeitsruhegesetzes mit. Diese Gesetze gelten heute noch als eine der größten sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Errungenschaften. Die "Wiener Zeitung" berichtete am 15. Mai 1919 von einer Debatte im Parlament, in der es um das Verbot der Nachtarbeit für Frauen und Jugendliche ging: "Abg. Anna Boschek gibt der Hoffnung Ausdruck, dass jener materielle Schaden, der durch das Verbot der Nachtarbeit einer kleinen Schichte von Frauen augenblicklich zugefügt wird, durch den großen Vorteil wieder aufgewogen wird, den es den Frauen im allgemeinen bietet, und begrüßt als Frau und Sozialdemokratin das Gesetz als Segen und als eine Wohltat."

Im Untergrund weiter aktiv

Bis zur Ausschaltung des Parlaments durch Engelbert Dollfuß im März 1933 war Boschek Abgeordnete zum Nationalrat. "Je autoritärer die Lage wurde, desto schlagfertiger wurden ihre Reden", sagt Hauch. Die Situation für das Parlament wurde immer schwieriger, der Rechtsstaat ausgehöhlt. 1934 wurde Boschek im Polizeigefangenenhaus in der Elisabethpromenade inhaftiert. Beinahe alle prominenten und exponierten Sozialdemokraten wurden ohne jeglichen Grund verhaftet und verhört. Nach sieben Wochen wurde Anna Boschek jedoch wieder freigelassen, weil es keinen Grund gab, sie länger festzuhalten. Obwohl es zu dieser Zeit nicht ungefährlich für sie war, blieb sie im Untergrund politisch aktiv.

Dieses Video mit dem Autor Florian Boschek postete der ÖGB auf seiner Facebook-Seite:

Nach dem Zweiten Weltkrieg legte Boschek ihre politischen Funktionen aus gesundheitlichen Gründen nieder. Der Graue Star setzte ihr zunehmend zu. Was sie sich jedoch nicht nehmen ließ war, auf Frauen- und Gewerkschaftstreffen zu referieren und über ihre Zeit in der Politik zu sprechen. Ein paar Monate nach ihrem letzten Auftritt bei der Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz 1957 in Wien, verstarb sie im Alter von 83 Jahren.

In den stenografischen Protokollen des Parlamentes kann man nachlesen, dass Boschek eine sehr lebhafte Rednerin im Parlament gewesen ist. Sie lieferte sich gerne Wortgefechte mit anderen Abgeordneten. "Es steckte viel Power hinter dieser kleinen Frau" sagt Hauch.

Sie ist eine außerordentlich wichtige Schlüsselfigur in der österreichischen Geschichte, im Bereich der Frauen- und Arbeitsrechte und der Sozialdemokratie. Nicht nur prägt sie heute noch den österreichischen Arbeitsalltag mit ihren Errungenschaften, sondern hat auch gesellschaftlich vieles ins Rollen gebracht, was uns noch zu Gute kommt.