Bedeutete der Zerfall der Donaumonarchie für andere sich neu etablierende Nationalstaaten die Selbstständigkeit und einen Neubeginn, wurde sie für Ungarn das nationale Trauma schlechthin. Das Land verlor infolge des Friedensvertrags von Trianon im Jahre 1920 zwei Drittel seines historischen Gebietes und ein Drittel seiner ungarischsprachigen Bevölkerung. Der Verlust und vor allem die Erinnerung an den Verlust stellen im nationalen Erinnerungskanon womöglich sogar die Erinnerung an die Niederlage von Mohács in den Schatten, obwohl jene Schlacht, die Ungarn im Jahre 1526 gegen Soliman I. verlor und in deren Folge es für Jahrhunderte seine territoriale Einheit und Selbstständigkeit einbüßte, bisher als das schwerste Trauma der ungarischen Geschichte galt.

Donau-Konföderation

In dieser inversen Form - durch ihren Untergang und deren Folgen - ist das Habsburgerreich durchaus Teil der ungarischen Erinnerungskultur. Es war den ungarischen politischen Reformern des 19. Jahrhunderts schon im Vorfeld als Gefahr und Bedrohung bewusst. Sie wussten, dass das Königreich Ungarn, das in seiner historischen Form kein Nationalstaat war, mit dem nationalen Erwachen der Ungarn und der anderen auf seinem Gebiet lebenden Völker potenziell seinem Zerfall entgegendriftete, und sie gaben auf diese Herausforderung verschiedene Antworten.

Zu diesen gehörte u. a. auch Lajos Kossuths (1862 in der italienischen Emigration publik gewordener) Plan einer Donau-Konföderation. So groß die realpolitischen Unterschiede zwischen ihm und dem "Vater des Ausgleichs", Ferenc Deák, auch waren - ihre gegensätzlichen politischen Positionen waren tatsächlich Antworten auf dieselben Dilemmata. In den 1860er Jahren erschien Vertretern der ungarischen politischen Klasse immerhin die k.u.k. Monarchie und die damit einhergehende partielle Selbstständigkeit Ungarns als die realpolitische Lösung, um u.a. den Zerfall des historischen Staatsgebildes zu vermeiden, dessen Bevölkerung in jenem Jahrzehnt zu über 50 Prozent aus Nicht-Ungarn bestand.

Die Erinnerung klammert sich jedoch nicht am Wissen und an Überlegungen, sondern an Zäsuren fest.

Während im heutigen Österreich der Name von Saint-Germain außer den historisch Gebildeten kaum jemandem mehr geläufig ist, wurde der Name von Trianon der zentrale Erinnerungsort im ungarischen nationalen Gedächtnis. Das Festhalten an dieser Wunde sorgt für eine ressentimentbeladene Beziehung nicht nur zu den Nachbarstaaten, sondern auch zu den europäischen Großmächten, die die Friedensverträge nach dem Ersten Weltkrieg diktiert haben. Sie ist zugleich ein probates Mittel, um ungarische Linke und Moderate, die ein deutlich entspannteres Verhältnis zu dieser Frage haben, zu diskreditieren.

Der Schatten der Friedensverträge ist lang, und er wird nach Möglichkeit noch länger gemacht. Trianon, eigentlich Grand-Trianon, ein Schloss in Versailles, ist im heutigen Ungarn als Zeitzäsur und als Erinnerung allgegenwärtig.

Trianon-Denkmäler

Wie durch ein geheimes Abkommen entstanden in den letzten zehn Jahren vielerorts sogenannte Trianon-Denkmäler, die das heutige Ungarn als einen Rumpf des "großen" präsentieren, und stellen dieses Bild buchstäblich ins Zentrum des gemeinschaftlichen Gedenkens. Die Tatsache, dass es dieses historische Ungarn seit 1526 nur als Teil der Habsburgermonarchie gegeben hat, wird in der populären Erinnerung freilich ausgeblendet.