Wäre die Habsburgermonarchie nur durch ihren Zerfall, ihre anderen Völker nur als Unwägbarkeiten der eigenen nationalen Befindlichkeit für die ungarische Gegenwart und ihre Erinnerungskultur von Belang? Eine solche Verkürzung würde der Vielfalt und Fragmentiertheit der ungarischen Erinnerungsgemeinschaften sicher nicht gerecht werden.

Hier sind vor allem jene Formen der Erinnerung zu erwähnen, die sich in Denkmälern und in der Populärkultur von Budapest manifestieren; etwa Ausstellungen wie jene zur Eröffnung der ungarischen Kunsthalle 2016, die mit dem Titel "Das erste goldene Zeitalter" die Verbindungen und Parallelen zwischen den beiden Reichshälften der Monarchie wie auch die Produktivität dieser Verbindung mehr als sinnfällig machte. Kulturelle Verflechtungen aus der Zeit der Doppelmonarchie im Bereich von Kunst und Kunstgewerbe wurden in den letzten Jahrzehnten in einer Reihe von wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen herausgearbeitet.

Modell Zentraleuropa

Als ein Fluchtpunkt der Erinnerung erwies sich die k.u.k. Monarchie auch bei jenen Versuchen, die nach dem Fall des Kommunismus die alte Kaffeehauskultur in Budapest wieder zu neuem Leben erwecken wollten. Dieses noch heute aktuelle Projekt, das in den verschiedensten Medien begleitet und reflektiert wird, macht wie selbstverständlich die Kaffeehauskultur der Doppelmonarchie zu ihrem Ausgangspunkt. Obwohl die neuen-alten Kaffeehäuser sich nur bedingt in das Gewebe des Budapester Lebens integrieren lassen, führt allein schon dieser Umstand immer wieder zu historischen Reflexionen.

Der Mythos vom goldenen Zeitalter der k.u.k. Monarchie, einer Zeit des zivilisatorischen Fortschritts und einer Epoche der rasanten Entwicklung der Großstädte, wird nicht zuletzt auch in einer Reihe von Veranstaltungen, Symposien und Publikationen des staatlich geförderten Instituts zur Erforschung der Habsburgerzeit in Budapest geschaffen und multipliziert.

Es gibt eine undefinierte Nos-talgie nach einer Zeit, in der Ungarn eine regionale Führungsposition innehatte und zur Mitte Europas gehörte. Ihre Anfänge, die ersten Forschungen über die urbanistischen, ökonomischen und identitätspolitischen Aspekte der Monarchie, gehen noch auf jene Historiker der Vorwendezeit zurück, die wie Péter Hanák etwa Zentraleuropa auch als ein kulturelles Identitätsangebot feierten und ihre Chance darin sahen, den Lagerzwängen des Ostblocks eine historische Alternative entgegenzusetzen.

In einem neuen Licht erscheinen diese Bestrebungen gerade in diesen Tagen, als jene Universität, die das Wort "Zentraleuropa" in ihrem Namen führt (Central European University), angekündigt hat, ihren Campus von Budapest nach Wien zu verlegen.