40 Nationen waren involviert, 70 Millionen Menschen kämpften, 17 Millionen Menschen starben. Das Ende des Ersten Weltkriegs am 11. November 1918 zieht ein erschütterndes Fazit: Er war zum damaligen Zeitpunkt der umfassendste Krieg der Geschichte. Für Österreich bedeutete die Niederlage vor allem eines: den Zusammenbruch der Monarchie. Nur einen Tag nach Kriegsende, am 12. November 1918, wurde die Republik "Deutschösterreich" ausgerufen, die ursprünglich Teil der deutschen Republik war.

Mit dem Staatsvertrag von Saint-Germain-en-Laye 1919 unterbanden die Siegermächte allerdings einen Zusammenschluss zwischen Österreich und Deutschland. Ein Rumpfstaat blieb also vom großen Habsburgerreich übrig, nicht mehr Österreich-Ungarn oder Deutschösterreich, sondern nunmehr ohne Kompositum: die Republik Österreich. Heuer feiert sie also den 100. Jahrestag ihrer ersten Ausrufung - und den 99. Jahrestag ihrer tatsächlichen Unabhängigkeit. Und der ORF feiert mit dem rund dreiwöchigen TV-Zeitgeschichteschwerpunkt "100 Jahre Republik" mit. Dieses Wochenende spannt ORFIII den Bogen von den Anfängen der Ersten Republik Österreich bis zu ihrem Ende darüber hinaus.

Am Samstag und Sonntag finden sich zahlreiche alte und neue Ausgaben der Reihe "Baumeister Republik", die jeweils einen Wegbereiter der Ersten und Zweiten Republik porträtiert. Wohl keiner vereint diese beiden Ären so sehr in einer Person wie Karl Renner (Sa., 12.20 Uhr). Nach dem Ersten Weltkrieg war er erster Staatskanzler der neuen Republik und bekleidete dieses Amt auch in der provisorischen Regierung nach dem Zweiten Weltkrieg, bis er schließlich Bundespräsident der Zweiten Republik wurde. Doch obgleich seine Rolle maßgeblich für die österreichische Geschichte ist, muss sie mit kritischem Auge betrachtet werden: 1938 galt er als der bedeutendste sozialdemokratische Befürworter des "Anschlusses" Österreichs an das Deutsche Reich. Außerdem war er nach 1945 wesentlich an der Inszenierung Österreichs als Opfer der Nationalsozialisten beteiligt und sprach sich offen gegen Reparationszahlungen an die jüdischen Opfer aus. Die Dokumentation zeichnet mithilfe von Zeitzeugen und österreichischen Historikern ein umfassendes Bild Renners zwischen Staatsmann und Theoretiker.

Der Blick zurück ist vor allem deshalb wichtig, weil er den Blick nach vorne schärft. Die Diskussion "100 Jahre Republik - Was haben wir aus der Geschichte gelernt?" (Sa., 18.35 Uhr) fragt daher, wie weit Österreich mit der Aufarbeitung seiner eigenen Geschichte gekommen ist und ob es in einem Land mit derartig gespaltenem kollektivem Gedächtnis überhaupt möglich ist, eine gemeinsame Geschichtserzählung zu finden. Denn bis heute laufen die Meinungen über bestimmte historische Ereignisse auseinander. Am offenkundigsten zieht wohl die Frage ihre Furche durchs Land, ob Österreich nun Opfer der Nationalsozialisten war oder selbst aktiv mitgemischt hat. Aber auch die Meinungen über den österreichischen Bürgerkrieg 1934 oder die darauffolgenden Jahre des Austrofaschismus divergieren nach wie vor.

Vor hundert Jahren zweifelten viele noch stark an der Lebensfähigkeit dieses Österreichs, das vom ehemals machtvollen Vielvölkerstaat übrig geblieben war. Nach dem Ersten Weltkrieg waren es vor allem die Sozialdemokratischen, die sich einen "Anschluss" an das ebenfalls sozialdemokratisch geführte Deutschland gewünscht hätten. Angesichts der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Deutschen Reich strichen sie den Anschlusswunsch 1933 allerdings von ihrer Agenda. Fünf Jahre später ging er fatalerweise dennoch in Erfüllung. Am 11. März 1938 betritt der damalige Bundeskanzler Kurt Schuschnigg das Kanzleramt ein letztes Mal in dieser Funktion. In den nächsten 18 Stunden wird Österreich vor den deutschen Drohungen kapitulieren und Schuschnigg mit den Worten: "Gott schütze Österreich!" zurücktreten. Tags darauf marschieren die deutschen Truppen ein. Die TV-Dokumentation "Der längste Tag - 18 Stunden, die Österreichs Schicksal entscheiden" (Sa., 19.20 Uhr) von Gerhard Jelinek wirft einen genauen Blick auf die schicksalsweisenden Stunden vor dem "Anschluss" Österreichs an Hitler-Deutschland. Denn so wie sich der Anfang der Republik im Gedenk- und Erinnerungsjahr 2018 jährt, jährt sich auch ihr vorläufiges und folgenschweres Ende.