Helfen in Notgebieten: Von 2012 bis 2015 wurden 4200 Menschen, die im Gesundheitswesen tätig sind, Opfer von gezielter Gewalt. - © ap
Helfen in Notgebieten: Von 2012 bis 2015 wurden 4200 Menschen, die im Gesundheitswesen tätig sind, Opfer von gezielter Gewalt. - © ap

Alpbach. Im Februar 2015 gingen Schlagzeilen von vier in Pakistan ermordeten Gesundheitsarbeitern um die Welt. Sie waren Mitglieder eines Impfteams gewesen, das Zivilisten gegen den Poliovirus immunisieren sollte, ein Dorn im Auge der Taliban. Dieser Fall einer gezielten Attacke auf medizinisches Personal ist nur einer von vielen. Internationale Hilfsorganisationen sowie die Weltgesundheits- organisation (WHO) sind alarmiert von den Zahlen an Ärzten und Krankenpflegern, die jedes Jahr gerade wegen ihres Berufes Opfer gezielter Gewalt werden. Health Care in Danger, ein Projekt der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung (ICRC), soll den Schutz dieser Menschen und die Wiederkehr des Respekts für Krankenpersonal bewerben. Louise McCosker und Bruce Eshaya-Chauvin vom ICRC sprachen im Zuge des Europäischen Forums Alpbach über das Projekt und die Situation von Ärzten und Krankenpflegern in Krisengebieten.

"Wiener Zeitung": Was ist das Healthcare in Danger-Projekt? Ist es eine Kampagne?

Bruce Eshaya-Chauvin: Nein, das ist es nicht, aber zu Beginn hat es sich ein bisschen so angefühlt. Es ist ein Projekt, das nicht nur uns beim ICRC betrifft, sondern ganze Gesellschaften, die sich in einem bewaffneten Konflikt befinden. Es hat zwei große Zielgruppen. Eine davon sind die Patienten, die Verwundeten und Kranken in Kriegsregionen und anderen extremen Notfallsituationen. Die andere sind die Anbieter medizinischer Versorgung. Für beide Gruppen ist der uneingeschränkte Zugang zu medizinischer Versorgung wesentlich.

Wie Journalisten ist auch medizinisches Personal zu einem Ziel terroristischer Gruppierungen geworden. Wie sehr hat sich die Situation in den letzten Jahren verschlimmert?

Eshaya-Chauvin: Es war immer ein Problem. Wenn man sich die Wurzeln unserer Bewegung ansieht, dann ist diese entstanden, weil Patienten der Zugang zu medizinischer Versorgung und Ärzten, Krankenpflegern und Apothekern verweigert wurde. Ob es heute schlimmer ist als vor Jahren? Ich glaube, das ist eine sehr schwierige Frage. Was sich auf jeden Fall geändert hat, ist, dass jetzt mehr darüber gesprochen wird. Das Phänomen der Gewalt gegen medizinisches Personal wird auch anders betrachtet. Es heißt jetzt nicht mehr, Ärzte hatten da Probleme, das Krankenhaus wurde beschossen oder der Freiwillige getötet, nein, jetzt geht es um das größere Ganze.