Philippe Narval im Gespräch mit Irene Prugger. - © Prugger
Philippe Narval im Gespräch mit Irene Prugger. - © Prugger

Soweit die Erklärung aus Sicht der Bürgerverantwortlichkeit. Und die Erklärung aus Sicht der Politikverantwortlichkeit?

In Europa haben die Großparteien lange Zeit auf die Erhaltung der Macht gesetzt und dementsprechend ihre politischen Führungskräfte rekrutiert. Bei der Konzentration auf kurzfristige Vier-Jahres-Wahlzyklen wird konstruktive Zukunftsentwicklung oft vernachlässigt. Etliche Menschen fühlen sich zudem von der Politik regelrecht im Stich gelassen, weil man über Jahrzehnte immer nur mit denselben, gut organisierten Interessensgruppen, zum Beispiel Gewerkschaften, Industrie und sonstigen Sozialpartnern, gesprochen hat, aber die sozial Schwachen wurden nicht in den Dialog eingebunden.

Und wenn die Menschen sehen, wieviel etwa für die Rettung der Banken ausgegeben wurde und wie der Dieselskandal abgewickelt wird, bringt das ebenfalls einen eklatanten Vertrauensverlust. Probieren Sie einmal, sich als Kleinunternehmer so zu verhalten wie Martin Winterkorn von VW: Dann werden Sie schnell Ihre Lizenzen oder Ihren Gewerbeschein verlieren!

Sie nennen in Ihrem Buch die Digitalisierung als einen weiteren wesentlichen Grund für die Krise der Demokratie. Aber bietet das Netz nicht auch eine demokratische Chance? Hier können nun auch jene mitreden bzw. mitposten, denen man vonseiten der Politik wenig Gehör schenkt.

Die Digitalisierung ist der größte Kulturwandel seit Erfindung des Buchdrucks und hat viele Vorteile, aber sie birgt auch große Gefahren, denn sie hat einen wesentlichen Einfluss darauf, wie wir kommunizieren und unsere Meinungen bilden. Die Geschäftslogik der großen Internet-Plattformen liegt darin, die einzelnen User auf ihren Seiten zu halten. Und das schaffen Sie, indem sie uns in unserer Meinung bestätigen. Wir wollen nicht nur geliebt, sondern auch bestätigt werden. Das ist eine menschliche Schwäche. Die viele Zeit, die wir im Netz verbringen, führt dazu, dass man immer stärker an einem Meinungsgebilde festhält.

Demokratie braucht aber die Auseinandersetzung mit anderen Meinungen sowie zivilisiert und differenziert ausgetragene Konflikte. Im Internet geht nichts leichter, als eine andere Meinung wegzublocken. Die sozialen Foren sind hochemotionale Räume, mit Emotion alleine kommen wir aber nicht weiter.

Als wie gefährlich stufen Sie die Manipulation durch Technologien zum Beispiel der Firma Cambridge Analytica ein, die aussagekräftige Persönlichkeitsprofile erstellt und mit individualisierten Botschaften Wahlkämpfe bzw. Volksabstimmungen beeinflussen kann?

Ich habe in meinem Buch, das ich bereits im Herbst geschrieben habe, genau dieses Beispiel angeführt, weil es mir in besorgniserregendem Sinn zukunftsweisend erschien. International debattiert wurde der Fall ja erst, als sich die großen Medien seiner angenommen haben, aber bekannt war die Vorgangsweise schon länger.