Es wird dabei auch immer wieder als Gegenargument gebracht, die direkte Bürgerbeteiligung an politischen Prozessen sei zu umständlich und kompliziert . . .

Diese Ausrede gilt nicht mehr. Heute haben wir viele Erfahrungen aus der Praxis, wie Bürgerbeteiligung gut funktioniert. Wenn ich mir anschaue, wie ein konservatives Land wie Irland es geschafft hat, einen Bürgerrat auf die Beine zu stellen, mit Bürgern, die per Losverfahren ausgewählt werden, und auf diese demokratische Weise Verfassungsreformen vorantreibt, oder wie Frankreich einen partizipativen Gesetzgebungsprozess auf den Weg bringt, indem man vielfältiges Wissen von Bürgern und Bürgerinnen einholt, dann weiß man sehr wohl, wie es geht und dass es nicht sehr kompliziert ist.

Wenn man Sie richtig versteht, wäre die Bürgerbeteiligung viel weiter gegriffen als die direkte Demokratie?

Genau. Es ist unter anderem die Absicht von meinem Buch, zu zeigen, dass der Werkzeugkasten zur demokratischen Innovation viel mehr demokratische Instrumente bereit hält als nur die direkte Demokratie. Natürlich gibt es manchmal Fragen, die man nur mit Ja oder Nein lösen kann. Zum Beispiel die Abstimmung über den österreichischen Beitritt zur Europäischen Union. Außerdem ist die direkte Demokratie ein Instrumentarium, das gelernt sein muss, zumindest müssen gewisse Rahmenbedingungen der sachlichen Information der Bürger gegeben sein.

Der Brexit ist ein perfektes Beispiel, wie man es nicht machen soll. Nicht, weil das Ergebnis mir nicht passt, sondern weil von Anfang an keine Chancengleichheit gegeben war und die Berichterstattung manipulativ vorgegangen ist. Dazu kam noch, dass die britische Politik über Jahrzehnte der EU an allem die Schuld gegeben hat - und es war kaum ein objektiver, breit veröffentlichter Wissensstand da, an dem man sich hätte orientieren können.

In Ihrem Buch haben Sie viele praktische und erfolgreiche Beispiele von Bürgerbeteiligungen an gesellschaftspolitischen Entscheidungen beschrieben. Sollen diese Beispiele Mut machen?

Ja, das auch. Und was immer interessant ist für die Menschen: Was kann man konkret jetzt tun? Zuerst kann man sich gelungene Beispiele von gelebter Bürgerbeteiligungen auf allen politischen Ebenen anschauen, warum funktionieren sie, was bringen sie für einen Mehrwert? Vermehrte Bürgerbeteiligungen würden zur Stärkung des Vertrauens der Bürger in die Politik führen.

Die Erfahrung zeigt auch, dass diese Beteiligung als Ehre empfunden wird und sich die Menschen sehr fundiert informieren, wenn sie die Chance bekommen mitzugestalten. Außerdem schafft so ein System Diversität und vermittelt breites Wissen, es sind nicht immer die gleichen Interessen am Wort. Ich sehe den Erfolg der Populisten als Einladung, die aktuellen Machtstrukturen zu hinterfragen, statt sie nur zu verteufeln und alle ihre Wähler in einen Topf zu schmeißen.