Es ist nicht zu spät und die Zentren alleine halte ich auch nicht für das Allheilmittel. Wir haben zum Beispiel Nachholbedarf in der Versorgung durch Pflegerinnen und Apotheken, um Praxen zu entlasten. Da sind wir schwach aufgestellt. Ebenso bei mobilen Arztstellen. Um die Versorgung personell sicherzustellen, haben wir Lehrpraxen eingerichtet, um Allgemeinmediziner nachzubilden. Aber jetzt wollen wir in dieser kurzen Zeit bis 2021 zeigen, dass in diesen Mini-Ambulatorien Allgemeinmediziner auch gemeinsam mit anderen Gesundheits- und Sozialberufen zusammenarbeiten können. Damit die Patienten alles in einem Haus haben, sich Wege und Wartezeiten sparen, weil immer ein Arzt verfügbar ist. Das Gleiche kann ich am Land auch über Arzt-Netzwerke machen.

Aber gerade in entlegenen Gegenden am Land fehlen Ärzte. Mitunter, weil es unattraktiv und wenig lukrativ ist, dort eine Praxis aufzumachen. Wie mache ich es einem Jungarzt schmackhaft, beispielsweise ins Mürztal zu gehen?

Dafür müssen wir einmal den Nachwuchs im Land halten. Das läuft momentan nicht gut. Deshalb bin ich dafür, dass wir die Idee aus den Regierungsverhandlungen wieder aufgreifen und Landarztstipendien einführen. Allerdings mit der Bedingung, dass diejenigen, die das Geld bekommen, eine gewisse Zeit in Österreich abdienen. Außerdem darf nicht unterschätzen, was Gemeinden finanziell beitragen, damit sie einen Arzt in den Ort bekommt. Die Bürgermeister stellen einem dann die Ordination fast schon hin. Für die Primärversorgungszentren wurden von den Ländern und Kassen 200 Millionen an Unterstützungsgeldern paktiert. Es gibt Möglichkeiten, die man nur wahrnehmen muss.

Ich bleibe skeptisch, dass sich der Ärztenachwuchs so leicht in die Peripherie leiten lässt.

Überall einen Arzt zu haben, ist eine völlige Illusion. Da kann man an noch so vielen Schrauben drehen. Genau deshalb braucht es Arzt-Netzwerke zwischen den Gemeinden, und die Pflege und Apotheken müssen mehr in die Versorgung eingebunden werden.

Es gibt auch Kassenarztstellen, die sich schlechter nachbesetzen lassen als andere, weil die Vergütung schlechter ist als bei anderen - etwa bei der Kinder- und Jugendheilkunde. Werden Sie das angleichen?

Genau das machen wir gerade bei den anstehenden Verhandlungen in Wien und der Steiermark. Das garantiert uns aber nicht, dass die Stelle besetzt wird. Oft ist nicht das von den Ärzten oft betonte Honorar der Grund, sondern beispielsweise die Frage, ob ich in einem Team arbeiten kann oder doch alleine.

Haben Sie überhaupt ein Interesse daran, die Leistungen in den niedergelassenen Bereich zu verlagern? Ihnen kann es als Kassenchef finanziell doch recht sein, dass die Patienten ins Spital gehen.

Das war in den alten Zeiten so, als meine Vorgänger staatliche Zuschüsse bekommen haben. Ich unterliege einer schrecklichen Daumenschraube, weil ich jedes Jahr mehr in die Spitäler einzahlen muss. Das richtet sich nach dem Wirtschaftswachstum. So schnell wachsen aber meine Arztverträge nicht. Den Ärzten müsste ich ungefähr das Doppelte zahlen, damit ich auf die Summe komme, die die Sozialversicherung in die Spitäler steckt. Ich habe nichts davon, wenn die Leute in die Spitäler laufen, weil mich das viel mehr kostet. Ich werde aber nicht dafür belohnt, dass ich die Patienten aus dem teuren Spital- in den günstigeren Kassenbereich verlagere. Die Formel müsste lauten: Wenn ich Patienten umleite, zahle ich weniger für die Spitäler. Das testen wir gerade in Wien, mit der Hoffnung, es bundesweit zu etablieren.