Sollten diese Vorbeitrittshilfen erhöht werden?

Die Länder können allein kein ausreichendes Wirtschaftswachstum schaffen. Sie haben zwei, drei Prozent BIP-Zuwachs, bräuchten aber sechs Prozent. Nur dann könnten sie in 30 Jahren bis zum EU-Durchschnitt aufholen. Daher sollten die Länder Zugang zu den Infrastrukturfonds erhalten, so wie das Bulgarien und Rumänien noch vor dem EU-Beitritt ermöglicht wurde. Dann wären sie für die EU ein noch attraktiverer Partner. Sie sind ja nicht weit weg, sondern im Bauch der EU. Es wäre kein verschwendetes Geld: Die Verbesserung der Infrastruktur in der Region ist auch für Kroatien und Österreich ein Gewinn.

Liegt es also an der EU selbst, dass andere Akteure in der Region überholen, etwa China?

Die EU-Erweiterungspolitik ist so festgefahren, dass sie selbst den Zugang für andere öffnet. Die Menschen sehen sich um und stellen fest, dass ihr Alltagsleben nicht besser geworden ist. Wer also irgendeine Qualifikation hat, versucht auszuwandern. Das bedeutet, dass zu Hause immer weniger Menschen bleiben, die die Rückzahlung der Kredite finanzieren müssen. Die Staaten könnten sich dann die Frage stellen: Warum sollen wir von der Europäischen Investitionsbank Kredite aufnehmen, die nicht so günstig sind und noch dazu an bestimmte politische Konditionen geknüpft sind, wenn eine chinesische Bank ohne Bürokratie und zusätzliche Auflagen eine Autobahn durch Montenegro finanziert? Für Infrastruktur-Projekte in Südosteuropa ist China derzeit der größte Geldgeber.

Sollte die Erweiterungsstrategie vor allem auf die Stärkung der Wirtschaft ausgerichtet sein?

Die Region braucht nicht zig Milliarden Euro, aber vielleicht eine Milliarde Euro jährlich an direkten Zuschüssen für Autobahnen, Eisenbahnen und so weiter. Die Verbesserung der Wirtschaftslage führt dazu, dass weniger Menschen emigrieren und ermöglicht auch das Entstehen einer Mittelschicht, die derzeit nicht vorhanden ist. Die wiederum kann mehr politische Rechte fordern und dazu beitragen, die Korruption von unten zu bekämpfen.