Mit "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" feierte David Schalko die Berlinale-Premiere seiner neuen TV-Serie, die ab 17. Februar in sechs Teilen im ORF zu sehen sein wird. Schalko nimmt das gleichnamige filmische Original von Fritz Lang aus dem Jahr 1931 zum Vorbild, verlegt die Handlung von Berlin ins heutige Wien und füllt sie mit jeder Menge Gesellschafts- und Politik-Kritik. Ein Mädchen wird entführt, und die aufgescheuchte Bevölkerung, die Exekutive, aber auch die hohe Politik (in Form eines eitlen Jungspund als Minister) geraten zusehends in einen Ausnahmezustand aus Schuld, Lüge, Laster und Korruption. Bei der Berlinale hatte die ORF-Serie nun ihre Weltpremiere.

"Wiener Zeitung":Herr Schalko, ist "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" ein Remake des Originals?

David Schalko: Nein. Wir folgen dem Original ein wenig, indem wir ikonografische Szenen übernommen haben - vom Tribunal bis zum Motiv der Kuckucksuhr. Es gibt also Versatzstücke aus dem Original, aber ich bezeichne die Serie nicht als Remake, weil die Geschichte von Grund auf neu geschrieben wurde. Es ist vielleicht eine Art Coverversion. Man darf ja nicht vergessen: Shakespeare wird seit Hunderten von Jahren am Theater gespielt und jede Inszenierung riecht anders. So ist es hier auch.

Sie haben die Handlung in die Gegenwart und von Berlin nach Wien verlegt.

Ja, die Serie spielt im Heute und es war wichtig, damit zu unterstreichen, wie zeitgemäß der Stoff ist. Ich kenne Wien viel besser als Berlin, und zugleich passte der Soff gut nach Wien, auch vor dem Hintergrund der hiesigen politischen Veränderungen. Außerdem ist die Serie auch eine Liebeserklärung an Wien, vor allem an die Architektur.

Dennoch sieht die Serie aus wie das Kino der frühen 30er Jahre.

Es war unser Ziel, auch ästhetisch Kontakt mit dem Original aufzunehmen. Fritz Lang drehte seine Fassung im Studio, wir drehten ausschließlich an Originalschauplätzen, ließen es aber oft so aussehen, als wäre es im Studio gedreht. Dadurch entsteht eine leicht entrückte, seltsame, hyperrealistische Atmosphäre, die aber auch künstlich wirkt, wie ein alter Film, aber im Heute. Diese Mischung hat uns interessiert.

Es geht um Korruption, Politik, Gesellschaft, Mord und die Verrohung der Menschen.

Es gibt viele politische Parallelen zur damaligen Zeit, finde ich. Man hat das Gefühl, an einem Vorabend zu leben. Viele Bürgerrechte werden in Frage gestellt. Es gibt einen sehr starken Rechtsruck in der Gesellschaft, die Verrohung des politischen Diskurses schreitet voran. All das erzählen wir in verschiedenen Milieus, über insgesamt 130 Figuren, das ist eine dramaturgische Herausforderung. Zusammen ergibt das ein Stadtbild, bei dem man sehen kann, wie schnell sich eine Gesellschaft - nämlich innerhalb von vier Tagen, an denen die Handlung spielt - zu einem Überwachungsstaat entwickelt und stark nach rechts rückt. Das ist etwas sehr aktuelles, denke ich. Wir haben vor vier Jahren begonnen, die Drehbücher zu schreiben, und heute fühlt es sich an, als wäre es vorgestern geschrieben. Es hat uns die Realität eigentlich eingeholt.

Wie schwer war die Finanzierung eines solchen Projekts?

Um jedes künstlerische, anspruchsvolle Projekt muss man kämpfen. Der ORF war relativ schnell an Bord, es war eher schwierig, einen deutschen Partner zu finden. "M" ist keine klassische Serie, hat viele Figuren, ein berühmtes Vorbild und ist nicht so humoristisch, wie beispielsweise "Braunschlag". Es ist eher eine Mischung aus verschiedenen Genres, und genau das hat mich daran fasziniert - es ist Thriller, Polizeifilm, Milieustudie, Gerichtsfilm.

Viele Klassiker der Filmgeschichte sind mit heutigen Sehgewohnheiten kaum vereinbar. Sehen Sie das auch so?

Ich finde, es ist gut, dass jeder Film auch ein Kind seiner Zeit ist, denn dann bekommt man auch ein Gefühl für diese Zeit. Und es ist nicht so wichtig, ob ein Film eine Patina entwickelt, solange er drumherum ein Faszinosum auslöst.

Jedes neue Schalko-Projekt entfacht im Vorfeld einen Hype. Und natürlich auch eine Erwartungshaltung.

Wenn sich die Leute dafür interessieren, was man tut, ist das kein Fehler (lacht). Auf das Spiel mit der Erwartungshaltung gehe ich nicht mehr ein. Denn sonst würde ich inzwischen wahrscheinlich die siebente Staffel von "Braunschlag" drehen. Ich wiederhole mich allerdings ungern.

Serien sind derzeit das Nonplusultra der TV-Unterhaltung. Wieso ist das so?

Vieles, was früher im Arthaus-Filmbereich gearbeitet hat, ist inzwischen zur Serie gewechselt. Den Fall, wo der Arthaus-Film den Spagat zwischen Anspruch und Erfolg oder Kommerz geschafft hat, gibt es im Kino immer seltener, das findet alles im Fernsehen statt. Die Serie ist attraktiv, weil sie in die Breite gehen kann und man nicht so selektiv erzählen muss. Die Serie hat inzwischen ein Niveau erreicht, die dem Kino in nichts nachsteht.