Die Berlinale bleibt auch unter dem neuen künstlerischen Leiter Carlo Chatrian ein guter Boden für den österreichischen Film, das zeigt die diesjährige Auswahl an heimischen Filmen. Drei Produktionen hat Chatrians Team ausgewählt, jedoch keine davon in den Wettbewerb, aber immerhin doch in die Reihe "Encounters", eine Neuerfindung, die Chatrian als "zweiten Wettbewerb" wie in Cannes (Un certain regard) oder Venedig (Orizzonti) zu etablieren versucht, sowie zwei Arbeiten im renommierten Panorama.

Kein Sci-Fi-Inzestporno

Besonders bemerkenswert unter diesen drei Arbeiten: Sandra Wollners Uni-Abschlussfilm "The Trouble With Being Born". Wir lernen ein zehnjähriges Mädchen (Lena Watson) kennen, das ein sehr inniges Verhältnis zu ihrem Vater zu haben scheint. Die Regisseurin lässt ihre Zuschauer eine Zeit lang im Unklaren, woher das Unwohlsein kommt, das zwischen den beiden entsteht und sich von der Leinwand herab in den Zuschauersaal verbreitet. Irgendetwas stimmt hier nicht, und ja, es ist doch genau das, woran man als Allererstes gedacht hat. Doch halt: Stimmt wieder nicht, denn wir sehen hier nicht die Geschichte einer ausgelebten inzestuösen Pädophilie zwischen Vater und Tochter, die sich sehr schnell ankündigt, sondern wir sehen hier die Simulation einer ausgelebten inzestuösen Pädophilie. Das Mädchen ist nämlich kein echter Mensch , sondern ein Androide, ein menschenähnlicher Roboter, und der Film ist darob auch kein Drama, sondern Science Fiction, zumindest was diesen Teil betrifft. 

"Die Sehnsucht des Vaters ist einerseits eine zumutbare Sehnsucht, die durch den Verlust und die Trauer um eine reale Person bestimmt ist, und andererseits eine unzumutbare - vielleicht mehr eine Dynamik als Sehnsucht, nämlich das Ausleben seiner sexuellen Fantasien", sagt Regisseurin Wollner. "Mich hat interessiert, dass beides gleichzeitig existiert und in diesem virtuellen Wesen auch gleichzeitig ausgelebt werden kann. Mich persönlich erschreckt das unfassbar, es beleidigt mich. Aber dieser Materie ist es egal. Das ist für uns natürlich eine Provokation. Eine Herausforderung, die uns ja im Grunde erst auf unser Menschsein zurückwirft". Abgründe gibt es auch im Wienerlied, das das Regie-Duo Tizza Covi und Rainer Frimmel in ihrem schwarz-weißen Film "Aufzeichnungen aus der Unterwelt" sezieren. Es geht um Tiefgründigkeit und Melancholie, die sich in Kurt Girks Lebensschilderungen bald vermengen mit einem Panoptikum der Wiener Gauner- und Strizzi-Szene der 60er Jahre und deren legendärem Protagonisten Alois Schmutzer, mit dem den Sänger eine lebenslange Freundschaft, aber auch eine einschneidende Erfahrung von schwerer Justizwillkür verband. Zwei konträre, kontrastreiche Figuren prallen aufeinander. "Wir wollen dieses Milieu auf gar keinen Fall romantisieren oder mystifizieren. Wir werten nicht, wir lassen die Leute reden. Klarerweise stellt sich in so einem Zusammenhang immer die Frage nach der Wahrheit", sagt Rainer Frimmel. Der Film wird in der Sektion Panorama uraufgeführt.

Stillstand im Leben

Ganz anderen Spuren folgt "Jetzt oder morgen" von Lisa Weber. Sie begleitet eine junge Frau und Mutter durch den Alltag und den Stillstand in ihrem Leben. Claudia war 14, als sie schwanger wurde, mit 18 wollte sie zum Bundesheer. Von da an heftete sich Weber mit ihrer Kamera an Claudias Fersen und dokumentierte, wie man seine existenzielle Antriebskraft verlieren kann. "Ich beschloss, nur mehr das zu filmen, was passiert", sagt Weber. "Dann ist nur leider nicht viel passiert. Eigentlich tun sie die ganze Zeit nichts. Es hat lange gedauert, bis ich begriffen habe, dass das der eigentliche Film sein könnte und auch sein muss, wenn ich der Realität gerecht werden will". "Jetzt oder morgen" feiert Premiere im Panorama der Berlinale.