Sitzen zwei in einer Bar und reden. So einfach wie diese Prämisse sich anhört, ist es freilich nicht, denn: Was die beiden zu reden haben, hat es wirklich in sich. Soll niemand sagen, Berliner Kneipentratsch sei belanglos. Nicht bei diesem nach einer Idee von Daniel Brühl entstandenen Drehbuch von Daniel Kehlmann. Die beiden Daniels haben sich kreativ zusammengetan und erzählen – passend zur Corona-Zeit – ein Kammerspiel, das sich später sicher auch als Bühnenfassung gut machen wird.

Brühl spielt Daniel (sic!), einen erfolgreichen deutschen Schauspieler (sic!), der vor dem Sprung zu einer Hollywood-Karriere ist (sic!) – man ist versucht zu sagen: Daniel Brühl spielt sich selbst. Und in Interviews hat Brühl auch schon zugegeben, dass so mancher Zug seiner Figur aus seinem echten Leben stammt.

Daniel Brühl mit Partnerin Felicitas Rombold bei der Berlinale 2020. - © Katharina Sartena
Daniel Brühl mit Partnerin Felicitas Rombold bei der Berlinale 2020. - © Katharina Sartena

Daniel wohnt in einem dieser chicen Lofts in Prenzlauer Berg (wo auch Brühl wohnt); an diesem Tag hat er ein Vorsprechen in London, es geht um eine große amerikanische Comic-Verfilmung, man hat dem Schauspieler gerade mal eine Drehbuchseite geschickt. Die Zeilen übt er beim Frühstück vor dem Spiegel. Jetzt muss er los, die Frau zum Abschied geküsst, die Kinder und die Haushälterin verabschiedet, auf geht’s nach Tegel. Doch ein bisschen Zeit ist noch, und Daniel kehrt in die Kneipe "Zur Brust" unten am Eck ein, um noch ein bisschen zu üben.

Da lernt er den bereits früh morgens bei einem Bierchen sitzenden Bruno (famos: Peter Kurth) kennen, der zunächst ein launischer, aber letztlich typisch uriger Berliner zu sein scheint. Doch bald schon eröffnet ihm Bruno, dass er gar kein Fan von Daniels Schauspielkunst ist – und erstaunlich viele Details aus seinem Privatleben kennt. Ein Stalker? Nicht ganz. Bruno entpuppt sich als der Nachbar, der Daniel seit Jahren vom heruntergekommenen, gegenüber liegenden Mietshaus direkt ins Glas-Stahl-Loft schaut – und dabei allerlei mitgekriegt hat. Mehr noch: Er, als einstiger Stasi-Mann und Wendeverweigerer hat penibel notiert, was so alles im Haus des Schauspielers vorgeht.

Mehr sei nicht verraten, aber die beiden Herren liefern sich in der Folge einen darstellerisch brillant umgesetzten Schlagabtausch, bei dem Daniel Brühl in der Rolle des eitlen, egoistischen Schauspielers jede Würde und jede Ehre verliert. Dabei rückt seine Abfahrt mit dem Taxi zum Flughafen eigentlich immer näher.

"Nebenan" ist dem Regisseur Daniel Brühl rhythmisch perfekt gelungen, was auch an den geschliffenen Dialogen Kehlmanns liegen mag. Während Brühl reichlich selbstironisch über sich und die eigene Zunft nachdenkt, ist Bruno der komplette Gegenentwurf dazu: Einer, der überzeugt ist: "Kohl und Merkel haben alles falsch gemacht", und: "Schauspieler lügen immer, und sind dann überrascht, wenn sie selbst belogen werden". Das Gespräch wird intensiver, lauter, die Aggression unumkehrbar. Man nimmt einander in der Kiez-Kneipe "Zur Brust" – zur Brust.

"Das war der Grund, warum ich den Film machen wollte: dieser Blick auf mein Viertel, das noch nicht durchgentrifiziert ist wie andere Metropolen, aber immer stärker davon betroffen ist", so Brühl in einem Interview mit der "Süddeutschen". Er selbst lebt seit 20 Jahren in Prenzlauer Berg, "Aber wenn ich auf Ost-Berliner treffe, die zum Beispiel in meinem Haus leben, gibt es immer noch diesen Rest von Klemmigkeit. Dabei mögen die mich inzwischen. Glaub ich".

Brühl tritt mit "Nebenan" im Wettbewerb um den Goldenen Bären der Berlinale an und komplettiert die Riege der insgesamt vier deutschen Beiträge. Ein qualitativer Jahrgang, diese Corona-Berlinale. Und darunter mit "Nebenan" ein überaus qualitatives Regiedebüt.