Mussolini wollte erst ein faschistisches Staatsbegräbnis für den 1936 verstorbenen Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Luigi Pirandello. Doch der hatte angeordnet, seine Asche in einem sizilianischen Fels einzumauern. 15 Jahre nach dem Krieg erst wird die Asche aus Rom in seinen Geburtsort Agrigent gebracht. Davon handelt "Leonora addio", der italienische Wettbewerbsbeitrag bei der 72. Berlinale, den der 90-jährige Altmeister Paolo Taviani gestaltet hat.

Die Aschenüberstellung gestaltet sich als kompliziert. Erst scheitert der Transport mit dem Flugzeug, weil sich Passagiere und Besatzung weigern, gemeinsam mit einem Toten zu fliegen. In der Eisenbahn kommt fast die Kiste mit der Urne abhanden. Und auf Sizilien will der Bischof eine Urne nicht segnen. Also muss ein Sarg her. Da es aber kürzlich eine Grippeepidemie gegeben hatte, wird es ein Kindersarg, in dem die Urne steckt und feierlich durch Pirandellos Heimatstadt getragen wird. Es sind komische Szenen mit leisem Humor.

Eben hat man sich an die poetische Ästhetik der Schwarz-Weiß-Bilder gewöhnt, da färben sie sich bunt. Es beginnt zusammenhangslos eine Erzählung Pirandellos, "Der Nagel". In Licht und Kulisse ist dieses letzte Drittel des Films, dessen Scharnier zum Vorangegangenen lediglich der Autor Luigi Pirandello zu sein scheint, an die Nachkriegsstudioproduktionen Hollywoods angelehnt.

Schon mehrmals mit Pirandello auseinandergesetzt

Regisseur Paolo Taviani hat sich schon mehrmals in seinen Arbeiten mit Pirandello auseinandergesetzt. Sein vor vier Jahren verstorbener Bruder Vittorio und er hatten am Ende der Dreharbeiten zu der gemeinsamen Arbeit an "Kaos" gemeint, "die Geschichte von der Asche ist eine so groteske, da müssen wir etwas drüber machen, weil es selbst so wie Kaos ist", sagte der italienische Altmeister in der Berliner Pressekonferenz. Er habe erst nicht gewusst, dass "Der Nagel" 20 Tage vor seinem Ende geschrieben wurde. "Das heißt, er stirbt mit diesem Bewusstsein des Endes. Da dachte ich, das ist in Wirklichkeit das Ende von Pirandello."

Am Anfang und am Ende des Films steht kurz ein Bild in einem Theater. "Ich wollte das Publikum erinnern, dass wir uns im Theater befinden", sagte Taviani. Denn das sei es gewesen, was Pirandello immer gemacht habe: Theater. "Und das machen wir auch."

"Leonora addio" ist der einzige zur Gänze italienische Beitrag im heurigen Berlinale-Wettbewerb und der einzige zum Großteil in Schwarz-Weiß gedrehte. Taviano verwendet für den innerhalb von zwei Jahren entstandenen Film auch Fragmente aus anderer Feder, darunter "vier Versatzstücke von Meisterwerken des Neorealismus", etwa von Rossellini. Die Bilder würden eine Renaissance des italienischen Kinos wiedergeben, dafür habe ihm die italienische Filmstadt Cinecittà "ungeheure Mittel an die Hand gegeben". Interessantes Detail: Die Pressekonferenz moderierte unüblicherweise Berlinale-Leiter Carlo Chatrian selbst, was als große Verbeugung vor seinem Landsmann Taviani gesehen werden kann. (Stefan May / apa)