Selten hatte Berlinale-Direktor Dieter Kosslick eine glückliche Hand bei der Wahl seines Eröffnungsfilms. Auch dieses Jahr nicht. Benoit Jacquots Kostümdrama "Leb wohl, meine Königin" hat am Donnerstag die 62. Ausgabe des Filmfestivals im Wettbewerb eröffnet und ist an einer unterkühlten Dramaturgie gescheitert, denn Emotionen wollen in diesem Film nicht so recht aufkommen.

Dabei eignet sich das Thema dafür hervorragend: Jacquot erzählt den Beginn der französischen Revolution, wie er von den Dienstboten des Königshauses erlebt wurde. Marie Antoinette (Diane Kruger, blass) schwelgt im Schloss Versailles in Tagträumen und macht sich Gedanken über neue Kleider, während draußen ihre Welt untergeht. Ihr zur Seite steht Sidonie Laborde (Léa Seydoux), die ihr als Vorleserin dient und ihre Königin regelrecht vergöttert. Als sie vom Sturm auf die Bastille erfährt, begreift sie, dass die gemeinsamen Stunden mit der Königin schon bald der Vergangenheit angehören könnten.

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"Leb wohl, meine Königin" ist kein Film über die Revolution, auch nicht einer über den ausschweifenden Lebensstil von Marie Antoinette, sondern ein Versuch, das Verhältnis zwischen Herrschern und Dienern auszuloten. Allein: Dem Film fehlt es an Emotion, die Beziehung zwischen Sidonie und Marie Antoinette – so leidenschaftlich sie auch gespielt sein mag – hinterlässt nur Gleichgültigkeit. Léa Seydoux ist eine von Frankreichs talentiertesten jungen Schauspielerinnen, aber auch sie kann diesen Film nicht tragen, dem es darum geht, aus der großen Revolution ein Kammerspiel zu machen, dabei aber auf seltsame Art die so wichtige Chemie zwischen den Protagonisten nicht auf die Leinwand bringen kann.

"Kuma": Schockierend authentisch
In der Reihe Panorama wurde zum Auftakt der österreichische Film "Kuma" den jungen Wieners Umut Dag gezeigt. Er schildert die Gefüge innerhalb einer türkischen Familie in Wien, in der sich große Dramen entspinnen: Die Mutter hat Krebs, eine junge Frau aus der Türkei wird mit dem schwulen Sohn zwangsverheiratet, damit der Vater nach dem eventuellen Tod der Mutter eine gute Versorgung (und Sex) haben kann. Was so plakativ formuliert nach einer schrecklichen Geschichte klingt, ist von Umut Dag mit großer Sorgfalt als leise Alltagsschilderung aus der türkischen Community inszeniert worden. Viel wird hier hinter vorgehaltener Hand gesprochen, im wilden Mix aus Wienerisch und Türkisch, niemals laut, aber deshalb nicht weniger emotional.

"Kuma" macht den Druck von Tradition und einer männerdominierten Gesellschaft nachvollziehbar und entwickelt dabei in seiner leisen Gangart ein schockierend authentisches Bild von Lebensrealitäten.