Berlin. Richard Gere ist ja so etwas wie die Ruhe höchstselbst, also in Person. Denn wer Buddhist ist, kennt keine Hektik. Deshalb bekommt die Fotografenmeute bei der Berlinale (die 67. Berlinale, und auch Gere ist 67, aber das ist sicher Zufall) ausreichend Gelegenheit, den immer noch sehr adretten Herren mit dem grauen Haar abzulichten. "Jeder bekommt sein Foto", betont Gere sehr entspannt, während sich die Fotografen beinahe die Köpfe einschlagen, als gäbe es hier Gold geschenkt.

In gewisser Weise stimmt das sogar, denn Gere ist der goldene Trumpf des ersten Festivalwochenendes, an dem traditionell die prominentesten Namen in der Stadt sind. Dieses Jahr ist die Stardichte in Berlin allerdings erheblich dünner als sonst; ob das mit Terrorangst zu tun hat, oder schlicht mit dem Umstand, dass man im Mai in Cannes unter besseren Wetterbedingungen feiern kann, ließ sich so rasch nicht eruieren.

Richard Gere jedenfalls schert das Wetter wenig. Denn wenn er sein warmes Lächeln aufsetzt, schmilzt die Damenschaft nur so dahin, und auch das nun wirklich schneeweiße Haar (in "Pretty Woman" war es ja noch grau) sieht immer noch sehr fesch aus und gut geföhnt.

- © Katharina Sartena
© Katharina Sartena

Gere stellt hier das US-Kammerspiel "The Dinner" im Wettbewerb vor. Dessen Regisseur Oren Moverman, bekannt geworden mit seiner ersten Regiearbeit "The Messenger" (2009), zeigt hier einen US-Kongressabgeordneten (Gere), seine blutjunge Frau (Rebecca Hall), seinen Bruder (Steve Coogan) und dessen Gattin (Laura Linney) bei einem gemeinsamen, recht gezwungenen Abendessen in einem Nobelrestaurant, bei dem - trotz einer gerade intensiven Wahlkampfphase - selbst der gestresste Congressman Stan einmal ein paar Gänge zurückschalten muss, weil es offenbar familienintern Radau gegeben hat. Sein Bruder, mit bissigem Sarkasmus gespielt von Coogan, hat den Politbetrieb, den er durch seinen Bruder kennt, durchwegs satt, es kommen knallharte Konflikte auf den Tisch, und keiner der erlesenen Haubenküche-Gänge darf hier genossen werden. Stattdessen erfährt das Publikum nach und nach, welche schändliche Familienangelegenheit, es hier zu klären gilt.

Laura Linney, Steve Coogan und Rebecca Hall aus dem Film "The Dinner". - © KSARTENA
Laura Linney, Steve Coogan und Rebecca Hall aus dem Film "The Dinner". - © KSARTENA

Moverman inszeniert, schneidet und filmt ungewöhnlich hölzern, als wolle er die Eleganz des Settings bewusst brechen, was einer optischen Entsprechung des Plots gleichkäme: Hinter den Kulissen des saubersten Saubermannes verbergen sich oft Geheimnisse, die da definitiv nicht hingehörten.

Gere ist optisch die totale Entsprechung seiner Figur: Ein aalglatter, stets lächelnder Politiker, der ein offenes Ohr für jeden mimt. Steve Coogan als sein mieselsüchtiger Bruder ist allerdings das Juwel des Films, weil bei ihm Ironie, Sarkasmus, Verbitterung und Zynismus so makellos Hand in Hand gehen.

Gere nutzte den Medienrummel um seine Person - nicht unpassend zu seiner Filmrolle als Politiker - auch für ein paar scharfe Bemerkungen in Richtung Donald Trump: "Leider haben wir Staatsoberhäupter, die Angst schüren. Und diese Angst verleitet uns dazu, furchtbare Dinge zu tun", so Gere in Berlin. "Wir müssen wirklich vorsichtig sein, wie wir miteinander reden und umgehen", sagt Gere und meinte dann über Trump: "Das Furchtbarste, was Trump getan hat, war, dass er zwei Wörter zu einem verschmolzen hat: Flüchtling und Terrorist. Früher wusste man in den USA, dass Flüchtlinge Hilfe benötigen. Heute haben wir Angst vor ihnen. Es ist das größte Verbrechen, diese beiden Begriffe zu verschmelzen".

So hat die Berlinale gleich zu Beginn ihr (alljährliches) Politikum, aber eigentlich: Ihr angestammtes Aufbegehren gegen die Herrschenden. Welches Filmfestival kann das schon von sich sagen?