Es gibt nur sehr wenige Filmemacher, deren Täterschaft man bereits an nur einer einzigen Einstellung erkennen kann. Der Finne Aki Kaurismäki zählt zweifellos zu diesem elitären Club, denn seine Filme zelebrieren einen Stil, der im skandinavischen Kino vielleicht Schule gemacht hat, aber in seiner Drastik bei Kaurismäki unübertroffen scheint. Seine unabänderliche Anbiederung an den Film Noir und seine kontrastreichen Lichtgesetze sind jedem Bild immanent; mehr noch: Seine starre, statische Kamera bietet eine ebenso starre, statische Figuren-Landschaft dar. Kaurismäkis Licht, das mag an seiner Herkunft liegen, ist ihm besonders wichtig, und er setzt es stets so, als ob er eine Hochglanzpostkarte von der Trostlosigkeit des Daseins produzieren wollte. Das ist alles sehr finnisch, zumindest, wenn man die Klischees vom finsterhellen Wechselspiel der Jahreszeiten und ihre Auswirkung aufs Gemüt glaubt.

In seinem neuen Film ist Kaurismäki nun auf der Suche nach einem Aktualitätsbezug: In "Die andere Seite der Hoffnung" spielt der syrische Flüchtling Khaled (Sherwan Haji) eine Hauptrolle, und sein Schicksal, in einer finnischen Mülltonne schlafen zu müssen, wird sich schon bald mit jenem der zweiten Hauptfigur treffen: Der Herrenoberhemdenvertreter Wikström (Sakari Kuosmanen) ist an einem Punkt im Leben angelangt, an dem er vom Herrenhemdenverkaufen genug hat und auf die Flucht geht; wie so oft bei Kaurismäki werden seine Figuren zu Heimatlosen, diesmal spitzt sich das zu, weil beide Heimatlose sich selbst als ähnlich bemitleidenswert einstufen, obwohl Welten zwischen ihren Schicksalen liegen. Auch das kann Kaurismäki gut: Skurrile Schicksale gegeneinander ausspielen, ohne jedem einzelnen davon seine Brisanz zu nehmen oder es durch das andere übertrumpfen zu lassen.

Ehering im Aschenbecher

Wikström für seinen Teil wirft also alles hin und legt seiner rauchenden, Schnaps trinkenden, in Lockenwicklern dasitzenden Frau den Ehering auf einen Tisch, auf dem ein Riesenkaktus steht. Die Ehefrau wirft den Ring sogleich in ihren Aschenbecher. Wenig später ereignet sich nach einem Faustschlag des Syrers in Wikströms Gesicht, im Hinterhof bei besagter Mülltonne, das, was man den Beginn einer wunderbaren Freundschaft nennt.

"Die andere Seite der Hoffnung" ist folgerichtig der zweite Teil in Kaurismäkis Hafenstadt-Trilogie, die er mit "Le Havre" 2011 begann: Auch dort entstehen Bande zwischen einem Schuhputzer und einem afrikanischen Buben. Kaurismäki übt sich darin, ein menschenfreundliches Kino in stark einprägsame Bilder zu gießen, die allesamt plakativen Charakter haben: Doch so simpel seine Aussagen dadurch auch sein mögen, so stark bleiben sie haften. Kaurismäki, ein Verführer mit Licht und leiser Melancholie, durchbricht das mit dem Einsatz von Rockabilly-Musik, Jukeboxen und Kalt-Warm-Kontrasten in seinen Bildern. Dazu gibt es finnischen Humor als Antwort auf die Lebensdepressionen der Figuren. Bilder eben, die nur Kaurismäki machen kann. Aber darin liegt auch eine Gefahr: Man hat das alles schon mal gesehen.