Was man der Berlinale nicht vorwerfen kann, ist Inkonsequenz: Hier wurden - in der Geschichte des Films einmalig - immerhin schon fünf Frauen mit einem Goldenen Bären ausgezeichnet, heuer war das die 38-jährige Rumänin Adina Pintilie für "Touch Me Not", im Vorjahr etwa die Ungarin Ildikó Enyedi, für "Körper und Seele". Damit hat die Berlinale allen anderen Festivals voraus, dass Geschlechterfragen hier keine Rolle spielen (in Cannes auch nicht, könnte man unken, denn dort gibt es einfach kaum Frauen, die eine Rolle spielen könnten).

Zur konsequenten Linie des Berliner Filmfestes gehört auch, mit schöner Regelmäßigkeit Filme auf den Thron zu hieven, die beim Publikum wenig bis gar keine Chancen haben. Sie erscheinen quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit oder fristen ein karges Nischendasein im Arthaus-Kino. "Touch Me Not", der diesjährige Gewinner, den niemand auf der Rechnung hatte, ist so ein Film. Und Tom Tykwer und seine Jury zeichneten ihn aus, weil man erkunden wollte, "wohin das Kino noch gehen könnte".

"Touch Me Not" ist weder Spielfilm noch Doku, eher ein Essay, ein Versuch, in einer fast klinischen Laborumgebung vom Berühren und vom Berührtwerden zu erzählen; hier gibt es Menschen, die Angst vor Berührungen haben, oder die ihre Schamgrenzen überwinden. Es gibt Frauen, die Callboys beim Masturbieren zusehen, oder transsexuelle Sexarbeiterinnen oder auch nach sexueller Erfüllung strebende Schwerbehinderte und eine BDSM-Sitzung, die Pintilie beobachtet und zu einem spröden Film über unsere Vorstellungen von Scham und unsere Schönheitsideale verknüpft. "Ich wollte herausfinden, was Intimität bedeutet", so die Regisseurin, die sieben Jahre an dem Film gearbeitet hat. "Touch Me Not" ist diese Annäherung an Intimität geworden, allein: Sinnlichkeit sucht man vergebens.

Schade, dass die Jury den deutschen Film, vertreten mit einem glänzenden Jahrgang, völlig ignorierte: Weder der erstklassige "Transit" von Christian Petzold noch die gefällige Romy-Schneider-Verehrung "3 Tage in Quiberon" konnten die Jury überzeugen, auch nicht das leise Supermarkt-Liebesdrama "In den Gängen" von Thomas Stuber.

Preise für Paraguay

Der Regie-Preis für Wes Andersons Stop-Motion-Animatonsfilm "The Isle of Dogs", der das Festival eröffnet hatte, geht in Ordnung, ist aber dennoch ungewöhnlich, da sich durchaus andere Regisseure angeboten hätten, etwa Petzold. Zweifach prämiert wurde indes "Las Herederas" aus Paraguay über eine Frau und ihre Lebensgefährtin, die vor dem Nichts stehen. Die Jury prämierte den Film mit dem Alfred-Bauer-Preis, der an zukunftsweisende Filme vergeben wird, und die Hauptdarstellerin Ana Brun, die ihre erste Filmrolle überhaupt spielt und völlig überrascht war. Ebenso wie der Preisträger des Silbernen Bären für die beste darstellerische Leistung: Da stand der verdutzte junge Franzose Anthony Bajon, der in Cédric Kahns "La prière" einen Drogensüchtigen spielt, der sein Heil im Glauben sucht und findet. Nicht weniger überrascht war die Polin Malgorzata Szumowska, als sie den Preis der Jury erhielt; ihre Provinzsatire "Twarz" handelt von einem Heavy-Metal-Fan, der sich mit der katholischen Kirche anlegt - und das mit viel Humor.

Aus österreichischer Sicht gab es Grund zur Freude: Ruth Beckermann durfte sich über den Glashütte Dokumentarfilmpreis für "Waldheims Walzer" über den Wahlkampf von Kurt Waldheim freuen, den sie aus Archivbildern montiert hat. Und "Styx" des österreichischen Regisseurs Wolfgang Fischer gewann drei Preise in Nebenkategorien.

Was bleibt, ist ein schaler Nachgeschmack: Der Bär für "Touch Me Not" ist ein Schock für das Festival. Es muss weiterhin dabei zusehen, wie ihm die internationale Bedeutung abhandenkommt.