Eine der Fragen, die sich die Meuterer stellen, ist die des richtigen Zeitpunktes. Viele sind dafür, dass man bis zur Abstimmung im britischen Parlament wartet - der Deal mit der EU muss dort von einer Mehrheit abgesegnet werden. Zuletzt war als Termin der 10. Dezember genannt worden. Ob die Abstimmung verschoben wird oder gar nicht stattfindet, ist offen.

Das britische Unterhaus gleicht aus Mays Sicht derzeit einem Standgericht. Da gibt es zum einen die Rebellion in den eigenen Reihen, auch die meisten Abgeordneten der oppositionellen Labour Party sind gegen sie, ebenso wie die nordirischen Mandatare der DUP, die Liberaldemokraten und die schottischen Nationalisten.

Die Feindseligkeit, die May am Donnerstag entgegenschlug, war mit Händen zu greifen. Die Zahl der Wohlwollenden schien an einer Hand abzählbar, die Regierungschefin sitzt zwischen allen Stühlen. Die Brexiteers werfen der Premierministerin den Verrat britischer Interessen vor, die Pro-Europäer schütteln den Kopf und sehen in einem Austrittsvertrag, so wie er jetzt auf dem Tisch liegt, keinen Sinn. Es ist gut möglich, dass Mays Kartenhaus jeden Moment in sich zusammenfällt.

May spielt auf Zeit

May kann vorerst nur auf Zeitgewinn spielen. Der EU-Gipfel am 25. November in Brüssel ist fix. Sollte May bis zu diesem Datum politisch überleben, könnte sie das Treffen als Plattform nutzen, um an die Vernunft ihrer britischen Mitbürger zu appellieren. Mays Hoffnung besteht darin, dass sich Labour bei der Parlamentsabstimmung der Stimme enthält. Und, dass die dissidenten Tory-Abgeordneten aus Angst vor Neuwahlen und einer drohenden Machtergreifung Labours klein beigeben. Es könnte sich, so Mays Kalkül, mit dem Fortschreiten der Zeit die Überzeugung festsetzen, dass es einen besseren Deal nicht geben wird. Genau das ist es, auf was die Premierministerin immer hinweist. Die - gefährlichen - Illusionen von britischer Stärke und Selbstbestimmung, denen sich die Brexit-Befürworter bis heute hingeben, könnten einer realistischen Sichtweise weichen.

Sollte das Votum scheitern, dann wäre May wohl versucht, ihr Heil in Neuwahlen suchen. Wie die dann ausgehen, ist offen. Zuletzt hat die Premierministerin mit vorgezogenen Neuwahlen kein Glück gehabt und die Mehrheit der Tories - leichtfertig, wie Kritiker sagen - verspielt. Sollte May nicht tätig werden, wäre Labour zur Stelle: Zustimmung verweigern, Neuwahlen erzwingen, Macht erringen, so die Devise. Das Brexit-Chaos wäre damit nicht aber beseitigt, sondern nur verlagert.

Die Stunde der Wahrheit rückt näher, auch deshalb, weil May an dem vorliegenden Vertragsentwurf nicht mehr rütteln will. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel hat ebenfalls klargemacht, dass es eine Neuverhandlung nicht mehr geben wird. In London stellt man sich auf turbulente Tage ein.