Visionen von neuer Größe spielten eine wichtige Rolle, als die Brexiteers 2016 zur Abkoppelung von der EU aufriefen. Eine Rückkehr zu den stolzen Freibeuter-Tagen der elisabethanischen Ära verhießen Politiker wie Johnson einer Wählerschaft, die der "Brüsseler Bürokraten", europäischer Integration und zugewanderter polnischer Handwerker müde war.

Nostalgie verfing vor allem bei älteren und konservativen Wählern. Was den Brexiteers überdies half, war die Tatsache, dass seit langer Zeit kaum je eine britische Regierung der Insel-Bevölkerung die Vorzüge britischer EU-Mitgliedschaft auseinandergesetzt hat. Der Begriff "Europa" war fast immer negativ besetzt. Er stand für politische Bevormundung, fremdländische Arroganz, unbegreifliche Sprachen, lästige Direktiven. "Europa" war schuld an allem, was schieflief im eigenen Land.

Eine hochpolitisierte Rechtspresse, wie sie kein anderes westeuropäisches Land kennt, hielt diese Vorstellung Tag für Tag am Leben. Boris Johnson selbst diente diesen Medien ja einst als Brüsseler Berichterstatter - und als unermüdlicher Fake-News-Produzent jener Zeit.

EU-Austritt als Vehikel

Als dann kurz vorm Referendum Flüchtlinge und Migranten nach Europa strömten, fiel es den Brexiteers leicht, interne Frustration auf ein externes Ziel zu lenken. Und an Frustration fehlte es in jenen Tagen keineswegs. Vielerorts brodelte Zorn gegen die eigene politische Elite. Schließlich hatte diese dem Land harsche Austerität und ein immer größeres soziales Gefälle beschert. Ausgerechnet Eton-Zögling und Premier David Cameron, taub für die Klagen der Bedürftigen im Lande, trat beim Referendum als Anwalt der Pro-EU-Seite an.

Seit dem Votum ist in Großbritannien viel darüber diskutiert worden, warum vor allem die benachteiligten Regionen des Landes für den Brexit gestimmt hatten. Globalisierung, kontinuierlicher Abbau der Industrie, Kreditkrise, Rezession und Camerons martialische Kürzung öffentlicher Mittel stellten die Weichen für das, was 2016 geschah.

Bezeichnenderweise lässt das Verlangen nach Trennung von der EU in den ärmsten britischen Regionen auch jetzt, zu Beginn 2019, nur zögernd nach - obwohl sich längst abzeichnet, dass diese Gebiete mehr als andere unter dem Austritt leiden werden.

Erst in jüngster Zeit sind einzelnen Brexit-Wählern, vor allem in Labour-Wahlkreisen, Bedenken gekommen. Dass ihre Entscheidung solche Konsequenzen haben könnte, wie sie sich nun anbahnen, hatte ihnen kein Brexiteer gesagt. Manche, die für die Trennung votiert hatten, haben sich seither auch nicht des Gefühls erwehren können, dass prominente Hardliner den Ausstieg aus der EU für ihren eigenen Feldzug gegen Steuern und Sozialstaat, gegen Umweltbestimmungen und Arbeitsschutz zu nutzen suchten.

Denn die härteste Fraktion der Brexit-Bannerträger rekrutiert sich bis heute aus Thatcheristen und Verfechtern freier Marktwirtschaft, für die der Austritt nur ein Vehikel war. Diese Politiker der Tory-Rechten hofften, mit der Abkoppelung von der EU ihre eigene Wirtschaftsideologie leichter durchzusetzen. Für sie sollte Brexitannien "das neue Singapur" vor den Küsten Europas werden: ein Billiglohnland, ein Magnet fürs große Geld aus aller Welt.