Auf desillusionierte Brexit-Wähler ebenso wie auf die ins Wählerregister nachrückende pro-europäische Jugend baut jedenfalls, wer dieser Tage auf ein zweites Referendum in Großbritannien hofft. Auch ein neues Votum würde allerdings die Klüfte im Land nicht schließen.

Spaltung allerorts

Denn gefährlich tief ist die britische Gesellschaft gespalten. Urbane, international geprägte, florierende Gebiete stehen den ländlichen und vernachlässigten Regionen, den alten Industriezonen, den sterbenden Seebädern gegenüber, in denen die Abneigung gegen die EU sich hartnäckiger als anderswo hält. Überall zeigt sich die Spaltung. Alt und Jung, Hauseigentümer und Besitzlose, trennt eine Kluft. Die keltischen Gebiete, die sich in der EU gut aufgehoben fühlen, sehen die Welt anders als jene Teile Englands, die mit Identitätsproblemen ringen. Schottische oder irische Nationalisten bieten englischem Nationalismus die Stirn - und umgekehrt. Lang vorhandene Gräben hat der Brexit zusätzlich vertieft.

Und das Vertrauen in die Politik ist weiter geschwunden. Nicht geholfen hat dabei die Art und Weise, in der Theresa Mays Regierung in den zweieinhalb Jahren den Brexit vorangetrieben hat. Schottland wurde komplett ignoriert, und in Nordirland mochte May nur auf die Brexit-fixierten Unionisten hören. Beide Teile des Königreichs hatten gegen Brexit gestimmt. Die beim Referendum unterlegenen 48 Prozent der Gesamtbevölkerung wurden derweil des "Verrats an der Demokratie" beschuldigt, wann immer sie Kritik übten an Mays kompromisslosem Kurs.

Statt nach einer versöhnlichen Lösung zu suchen, die das Land hätte zusammenbringen können und für die es durchaus eine parteiübergreifende Mehrheit im Unterhaus gegeben hätte, forcierte May die ihr von der Tory-Rechten vorgegebene Politik scharfer Konfrontation. Vor allem gelang es ihr, aus einem politischen Dilemma eine Verfassungskrise zu machen. Früh schon setzte die Premierministerin alles daran, dem Parlament echte Mitsprache vorzuenthalten.

Grauzone der Legitimität

Als die höchsten Richter des Landes den Volksvertretern beisprangen und ihrerseits in Teilen der Presse als "Volksverräter" denunziert wurden, ließ sich die Regierung mit ihrer Verteidigung der Justiz reichlich Zeit. Geleitet vom unbedingten Verlangen nach Abgrenzung und von ihrer privaten Interpretation des "Volkswillens", mochte sich May von Brexit-skeptischen Parlamentariern nicht dreinreden lassen. So verschärft war die Lage, dass eine Unterhaus-Mehrheit die Regierung an einem Punkt der "Missachtung des Parlaments" beschuldigte: Ein Vorgang, der in der Nachkriegsgeschichte beispiellos war.

Das Ringen hält an. Zwischen der Exekutive, der Volksvertretung und dem unkonventionellen Instrument des Volksentscheids, das auf der Insel nur beratenden Charakter hat, ist eine Grauzone der Legitimität entstanden, weil nirgends mehr politischer Konsens besteht. Besorgte Beobachter warnen schon davor, dass Großbritannien noch sehr lange mit diesen Problemen wird kämpfen müssen - egal, wie die Schlacht um den Brexit ausgeht.