London. Die britische Premierministerin Theresa May sondiert nach der Absage neuer Brexit-Verhandlungen durch die EU in London alternative Pläne für den näher rückenden EU-Ausstieg. May werde sich am Donnerstag mit Abgeordneten treffen, um zusammen neue Vorschläge für den Austritt zu erarbeiten, sagte ein Regierungssprecher. Zudem würden Regierungsvertreter mit Gewerkschaftern sprechen.

May wolle rasch Änderungen des Brexit-Abkommens mit der EU erreichen. Außenminister Jeremy Hunt schloss indes eine Verschiebung des Austritts aus der EU nicht aus. Seine Regierung arbeite an neuen Vorschlägen für die Streitfrage der irischen Grenze nach dem Brexit und benötige dafür einige Tage, sagte er im BBC-Rundfunk. Sollte noch eine geänderte Vereinbarung mit der EU nur wenige Tage vor dem geplanten Austritt-Termin 29. März zustande kommen, "dann könnten wir noch mehr Zeit benötigen, um die nötigen Gesetze zu verabschieden".

 "Wir werden am 29. März austreten"

Es sei zu früh, um zu sagen, ob eine Verlegung des Termins erforderlich sei, denn "wenn wir früher Fortschritte machen, könnte sie unnötig sein", so Hunt. Mays Sprecher sagte zu Hunts Äußerungen, die Haltung der Regierungschefin sei unverändert: "Wir werden am 29. März austreten."

Am 13. Februar will May das Ergebnis des neuen Anlaufs den Parlamentariern erneut zur Abstimmung vorlegen. Anschließend eigentlich angesetzte Parlamentsferien wurden gestrichen, um eventuelle Gesetzesänderungen zu beraten.

Die Mehrheit der Abgeordneten im Unterhaus hatte May am Dienstag den Auftrag gegeben, den ungeliebten Ausstiegsvertrag aufzuhebeln. May versprach tiefgreifende und juristisch wasserdichte Änderungen. Verhasst ist einigen insbesondere die Regelung für Nordirland in dem 585 Seiten starken Vertragswerk. Abgeordnete fürchten eine Zweiteilung des Königreichs und votierten vor zwei Wochen gegen das Abkommens mit der EU. Deren Spitzen lehnen neue Verhandlungen über den Brexit-Vertrag aber ab.

Außenministerin Karin Kneissl (FPÖ) sieht derzeit viele Anzeichen für einen ungeordneten EU-Austritt Großbritanniens. "Meines Erachtens deutet sehr vieles auf einen harten Brexit hin", sagte sie vor Beratungen mit ihren EU-Kollegen in Bukarest. "Was man in den letzten zwei Jahren nicht erreichen konnte, weiß ich nicht, wie man in den nächsten sechs Wochen erreichen kann", so Kneissl. Zwar gebe es auch die Bitte der Briten nach mehr Zeit, doch habe EU-Ratspräsident Donald Tusk bereits klar gemacht, dass er keinen Gipfel ohne klares Ziel einberufen werde.

Nach Ansicht der renommierten britischen Denkfabrik Institute for Government ist Großbritannien schlecht vorbereitet für einen Brexit ohne Abkommen. Die Regierung habe nicht genug Zeit gehabt, um die notwendige Gesetzgebung zu verabschieden, neue Behördenabläufe und Computersysteme einzuführen sowie Mitarbeiter einzustellen.

Es gibt ein erhebliches Risiko, dass Gesetze, die für einen No-Deal-Brexit gebraucht werden, nicht im Gesetzbuch sein werden", so die Experten. Sie vergleichen die notwendigen Vorbereitungen für einen sogenannten No-Deal-Brexit mit denen für die Umsetzung größerer sozialpolitischer Reformen oder den Olympischen Spielen und kommen zu dem Schluss: "Selbst wenn die Regierung einen Tag nach dem Referendum 2016 mit den Vorbereitungen für einen ungeregelten Brexit begonnen hätte, wären weniger als drei Jahre ein sehr viel stärker komprimierter Zeitplan, als für andere Großprojekte (...)".

Die Brexit-Verunsicherung hinterlässt auch in der britischen Autoindustrie tiefe Spuren. Die Fahrzeugproduktion ging im vergangenen Jahr nach Angaben des Branchenverbands um mehr als neun Prozent zurück und markierte damit das stärkste Minus seit der Rezession während der Bankenkrise 2008/2009. Der in Großbritannien produzierende Autobauer Mini sieht sich aber gerüstet. "Wir fühlen uns gut vorbereitet, auch wenn es zum Chaos kommen sollte", sagte Peter Schwarzenbauer, Chef der BMW-Tochter in Stuttgart. Die Fertigung soll im April vier Wochen vorübergehend ruhen. Außerdem habe man ein Teilelager aufgebaut und Flugkapazitäten reserviert.