Mit dem Kompromiss kann May kurz durchatmen - und den Ball ans Parlament in London weiterspielen. Doch die Abgeordneten zeigen sich wenig begeistert davon, dass der einzige Ausweg aus einem No-Deal-Brexit darin liegt, das ungeliebte Austrittsabkommen durchzuwinken. "Wir haben bereits eine Entscheidung getroffen", sagte der Schattenminister für den Brexit, Matthew Pennycook, "und den Deal zwei Mal mit historischer Mehrheit abgelehnt." Die ganze Misere liege an Mays Unnachgiebigkeit und an ihrer Anbiederung an konservative Brexit-Hardliner.

Oppositionelle wie Pennycook, aber auch die Pro-Europäer unter den Tories, wollen mögliche Mehrheiten zu alternativen Brexit-Lösungen ausloten. Immerhin hat die Regierung nun angedeutet, dem Unterhaus kommende Woche Probeabstimmungen darüber zu erlauben, falls Mays Deal ein drittes Mal abgeschmettert wird. Die Vorschläge reichen vom Labour-Vorschlag, dauerhaft in der Zollunion der EU zu bleiben, über ein zweites Referendum bis hin zum Rückzug vom Brexit. Allerdings zeichnet sich für diese Ideen ebenso wenig eine Mehrheit ab wie für Mays Deal. Für ein Referendum wirbt die Kampagne "People’s Vote". Für Samstagmittag war eine Großdemonstration angekündigt, die Veranstalter erwarteten bis zu 700.000 Teilnehmer.

Doch von alldem will May nichts wissen. Für sie heißt es immer noch "mein Deal oder kein Deal". Eine dritte Abstimmung darüber scheiterte, nachdem Parlamentspräsident John Bercow ein weiteres Votum über denselben Austrittsvertrag untersagt hatte. Damit May dem Parlament ihr Abkommen noch einmal vorlegen kann, billigte die EU nun nochmals formal Zusagen, die EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker bereits Mitte März gemacht hatte. Es ist anzunehmen, dass diese rechtliche Aufwertung ausreicht, um eine erneute Abstimmung zu rechtfertigen.

"Viel Platz in der Hölle"

Während der Streit in London am Freitag weiterging, wirkten die EU-Spitzenpolitiker in Brüssel nach dem Sitzungsmarathon von Donnerstagnacht geradezu erleichtert. Bei der Pressekonferenz danach wirkten sie zwar müde, waren aber zu Scherzen aufgelegt. Bis wann eine langfristige Verschiebung denkbar sei, fragte ein Journalist bei der Pressekonferenz. Juncker erstarrte, Sekunden vergingen, auch Tusk fiel keine Antwort ein. "Bis ganz zum Schluss", meinte Juncker schließlich. In Anspielung auf seinen berühmten Satz, für die Brexiteers sei ein "besonder Platz in der Hölle" reserviert", wurde Tusk gefragt, ob die Hölle vergrößert werden müsse, sollte das Unterhaus Mays Deal noch einmal ablehnen. "Der Papst meint, die Hölle ist leer", sagte der Ratschef. "Es gibt dort also noch viel Platz."