Eigentlich hätte Großbritannien die Europäische Union am gestrigen Freitag um 23 Uhr Ortszeit verlassen sollen. Wegen des Patts im Unterhaus, das sowohl Mays Deal als auch einen ungeregelten Brexit ablehnte, musste der Austritt aber verschoben werden. Die EU-Staaten gewährten London aber wegen der auslaufenden Fristen vor der Europawahl nur einen Aufschub bis 12. April.

Parteibasis rebelliert gegen pro-europäischen Tory-Mandatar

Der Zorn der Brexiteers fand indes ein erstes politisches Opfer. Der pro-europäische konservative Abgeordnete Dominic Grieve, der sich für ein zweites Referendum stark macht, wurde am Freitagabend bei einer lokalen Parteiversammlung in seinem mittelenglischen Wahlkreis Beaconsfield abgesetzt. Bei der hitzigen Zusammenkunft wurde er als "Verräter" und "Lügner" beschimpft, das von dem ehemaligen UKIP-Politiker Jon Conway initiierte Misstrauensvotum wurde mit 182 zu 131 Stimmen angenommen.

Beobachter sehen in Vorgängen einen Vorgeschmack darauf, was sich innerhalb der konservativen Partei abspielen könnte, wenn das Brexit-Patt in vorgezogene Neuwahlen münden sollte. Während selbst Brexit-Wortführer Boris Johnson seinem angesehenen Kollegen zur Seite sprang, rief Ex-Finanzminister George Osborne die Parteiführung zum Eingreifen auf. Der lokale Tory-Ableger in Beaconsfield müsse abgesetzt werden. "Ansonsten steuern wir auf eine riesige, historische Spaltung der Tories zu", warnte Osborne.

Bradshaw sagte dem Deutschlandfunk, dass die Unterhaus-Abgeordneten derzeit in einem Klima der Angst und Einschüchterung lebten. Er selbst führe immer ein Alarmgerät mit sich, nachdem 2016 seine Fraktionskollegin Joe Cox von einem Rechtsradikalen ermordet wurde. Abgeordnete würden aus Angst vor Bedrohungen gegen eigene Ansicht und Gewissen abstimmen. Es herrsche "eine ganze schlimme Zeit in Großbritannien", die er sich nie habe vorstellen können.

Weber gegen Teilnahme der Briten an Europawahl

Der Spitzenkandidat der Europäischen Volkspartei (EVP) bei der Europawahl, Manfred Weber, bekräftigte indes sein Nein zu einer Teilnahme der Briten an dem Urnengang Ende Mai. Wer aus der EU austrete, dürfe keinen maßgeblichen Einfluss auf deren Zukunft haben, sagte Weber am Samstag in Nürnberg. "Deswegen bleibe ich dabei, dass wir vor den Europawahlen Klarheit haben müssen." Zugleich brachte er ein Volksvotum in Großbritannien ins Spiel, wobei unklar war, ob er ein Referendum oder Parlamentswahlen meinte. "Wenn das Parlament nicht in der Lage ist, Lösungen zu finden, dann ist klar, dass die Bürger in einer Demokratie wieder neu abstimmen müssen", sagte er.

In der Nacht auf Samstag bremste ein Demonstrant viele Stunden lang die Eurostar-Züge zwischen London und Paris aus. Britische Medien vermuteten am Samstag, dass es sich bei dem Mann um einen Teilnehmer eines Brexit-Protestmarsches handle, da er eine englische Fahne bei sich trug. Am Freitag, dem ursprünglich geplanten Austrittstag Großbritanniens aus der EU, hatten Tausende Brexit-Anhänger mit Fahnen vor dem Parlament in London demonstriert. Der 44-Jährige hatte die Nacht auf dem Dach des Bahnhofs St. Pancras in London verbracht und konnte nach etwa zwölf Stunden festgenommen werden, wie die britische Verkehrspolizei berichtete. Tausende Menschen waren von dem Chaos betroffen. (apa, afp, dpa, reuters)