London. (sig) Theresa May hat eine neue Brexit-Strategie. Am Mittwoch, gerade einmal neun Tage vor dem neuen Austrittsdatum ihres Landes, hat sich die britische Premierministerin zum ersten Mal ernsthaft mit der Opposition beraten. Bei den Gesprächen ging es darum, wie ein ungeordneter Brexit am 12. April doch noch verhindert werden kann. Der Plan: Gemeinsam mit Labour-Chef Jeremy Corbyn soll nun ein Kompromiss gesucht werden. May vollzieht damit eine Wendung um 180 Grad, denn bisher hat die Tory-Chefin auf Zeit gespielt und jegliche Zugeständnisse an die Opposition kategorisch abgelehnt.

Für einen Kompromiss will sie nun nicht einmal Bedingungen stellen. Das ist bemerkenswert, denn May war bisher der Opposition gegenüber zu keinerlei Zugeständnissen bereit. "Beim Thema Brexit gibt es eine Reihe von Gemeinsamkeiten zwischen uns", sagte May am Mittwoch vor dem Parlament in London - und verschwieg die bisher als unüberbrückbar geltenden Differenzen zwischen Labour und den Tories. So wollen die Sozialdemokraten eine engere Anbindung an die EU und unterstützen den Verbleib in der Zollunion. Lenkt May hier ein, würde sie ihre rote Linie überschreiten: Bei einem Verbleib in der Zollunion könnte das Vereinigte Königreich keine eigenen Handelsverträge abschließen. Dass London seine Außenhandelspolitik wieder alleine bestimmen kann, hatte May als eines der Ziele nach dem Brexit festgelegt.

Mit ihrer Konsenssuche rückt May aber noch in einem anderen Punkt von ihrer Strategie ab. Bisher hat sie alles getan, um die konservativen Tories irgendwie zusammenzuhalten. Im Sinne der Regierungskoalition mit der nordirischen DUP und um die Brexit-Hardliner unter den Tories nicht zu vergraulen, hat die Premierministerin einen harten Kurs gefahren. Ein "sanfter Brexit" mit einer engen Bindung an die EU war bisher undenkbar. Mehr als hundert Mal hat May ihren Slogan "Mein Deal oder kein Deal" wiederholt. Doch das britische Unterhaus hat das Austrittsabkommen, das Mays Regierung mit Brüssel verhandelt hat, drei Mal abgelehnt. Und ohne Vertrag aus der EU auszuscheiden, wie sich das die Brexiteers wünschen, ist für die Mehrheit der Abgeordneten ausgeschlossen.

Denkbar ist nun, dass May den Verbleib in der Zollunion der EU in ihr Austrittsabkommen hineinnimmt. Bisher war im nicht-bindenden, politischen Teil des Abkommens nur von einer "umfassenden Partnerschaft" und einer Freihandelszone die Rede. Corbyn betonte, dass jegliches Ergebnis juristisch verbindlich sein müsse.