London/Brüssel. Der EU-Austritt Großbritanniens wird wahrscheinlich abermals verschoben und ein Chaos-Brexit am Freitag gestoppt. Dies zeichnete sich Mittwoch abend beim EU-Krisengipfel in Brüssel ab. Offen ist noch die Dauer der Verlängerung. Die britische Premierministerin Theresa May wollte nur einen Aufschub bis 30. Juni und einen Austritt noch vor den EU-Wahlen im Mai.

Die meisten anderen der 27 Staats- und Regierungschefs dagegen treten für eine längere Verschiebung ein. Die Vorschläge reichen von Jahresende 2019 bis März 2020. Österreichs Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) plädierte für eine kurze Verlängerung, ebenso Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel betonte ebenfalls wie Kurz, dass die Einigkeit der 27 wesentlich sei. Diese Einigkeit könne auch heute wieder erreicht werden.

Fragen und Antworten und ein Abgang

Zur Sprache kamen aber auch ein mögliches zweites Referendum oder die Möglichkeit eines Rückzugs des Austrittsantrags der Briten. Allerdings waren dies Minderheitsmeinungen. - © APAweb/REUTERS, Kenzo Tribouillard
Zur Sprache kamen aber auch ein mögliches zweites Referendum oder die Möglichkeit eines Rückzugs des Austrittsantrags der Briten. Allerdings waren dies Minderheitsmeinungen. - © APAweb/REUTERS, Kenzo Tribouillard

Zu Beginn des Gipfels trug May im Kreis der übrigen Staats- und Regierungschefs ihre Ideen vor und beantwortete auch mehr als eine Stunde lang Fragen. Die Runde sei konstruktiv gewesen, hieß es anschließend von EU-Diplomaten. May habe substanziell, wenn auch mit wenigen Details geantwortet. Die Regierungschefin habe den Eindruck vermittelt, dass sie eine Verschiebung über den 30. Juni hinaus akzeptieren würde, sofern Großbritannien auch früher geregelt ausscheiden könnte. Am Abend berieten die 27 bleibenden Staaten dann ohne May weiter. Der Gipfel dürfte jedenfalls bis Mitternacht dauern.

Dass es eine weitere Verschiebung geben soll, war bereits in den Stunden vor dem Gipfel im Kreis der 27 Länder weitgehend geklärt. So zeigte sich der irische Premier Leo Varadkar sicher, dass die EU einen Konsens erzielen werde, "Großbritannien ein bisschen mehr Zeit zu geben". Er rechne nicht mit einem Austritt des Landes am Freitag.

Ein langer Aufschub war nach Darstellung von Diplomaten der Wunsch der meisten EU-Staaten, um für einige Monate Ruhe in den Austrittsprozess zu bringen. Als Daten waren Stichtage im Dezember 2019, im Februar oder März 2020 im Gespräch. Merkel sagte bereits am Mittwochnachmittag im Bundestag: "Es kann gut sein, dass es eine längere Verlängerung als die von der britischen Premierministerin erbetene ist." Großbritannien soll aber früher gehen können, sobald in London eine Lösung steht.