Was mich aber schockiert, wenngleich nicht erstaunt hat: die Lethargie, das Desinteresse und die Ignoranz junger Menschen, deren Votum für eine Zukunft in Europa die Katastrophe hätte verhindern können. Doch die jungen Wähler blieben in großer Zahl zu Hause, nahmen die Abstimmung gar nicht als relevant für ihr Leben wahr. Und was eigentlich noch schockierender ist: An dieser verantwortungslosen Gleichgültigkeit hat sich bis jetzt kaum etwas verändert. Zwar sorgen sich manche Studenten um das womöglich ausbleibende Erasmus-Stipendium im Auslandsjahr, aber ansonsten sind sie weitgehend unbekümmert und haben keine Ahnung von den derzeit jede Woche stattfindenden Abstimmungen im Parlament.

Die Deutschen (und Österreicher) wiederum interessieren sich sehr für das Brexit-Tohuwabohu und sprechen mich immer wieder darauf an. Unisono begegnet man meinen Klagen jedoch mit der Einschätzung: "Keine Sorge, der Brexit wird doch nie kommen."

Hatte ich solche Sprüche die letzten zwei Jahre eher gelassen genommen, um nicht allzu sehr als Eiferer und Besserwisser dazustehen, enervieren sie mich seit rund einem halben Jahr derart, dass ich eine Geldwette in beliebiger Höhe anbiete. Das aber verschreckt die allermeisten Prognostiker, und nur resistent Anglophile wollen nicht wahrhaben, in welche Bredouille sich die Briten selbstverschuldet manövriert haben. Der Brexit wird kommen, koste es, was es wolle . . .

Für mich war das Ergebnis des Referendums ein Wendepunkt, an dem eine lebenslange, wenngleich in den letzten Jahren merklich abgekühlte Loyalität zu England ihr Ende fand. Verstand ich mich vorher als kritischer Deutsch-Brite, der Missstände in beiden Ländern wahrnahm, zugleich aber die vielen Pluspunkte des britischen Universitätssystems im Vergleich zum paternalistischen Unibetrieb in deutschsprachigen Ländern schätzte, so erwies sich die Volksabstimmung als manifester Ausdruck dessen, was man zuvor zwar klar wahrgenommen, aber immer als zu subjektive Erfahrung zu verdrängen suchte: das Bewusstsein, nur geduldet, aber nicht wirklich erwünscht zu sein.

Absurder Fragebogen

Eine schmerzhafte Erkenntnis, die auch viele andere europäische Dauergäste in ähnlicher Weise machten. Nachdem der erste Schock überwunden war, begann ein hektischer Aktivismus unter uns Europäern: man versuchte (vergebens), verlässliche Informationen über den künftigen Aufenthaltstatus zu eruieren; manche Kollegen beantragten gar die britische Staatsbürgerschaft, andere füllten einen 80-seitigen Fragebogen aus, um eine residence permit zu beantragen.

Die Medien kolportieren schnell Horrorstories darüber, wie diese Anträge zu absurden amtlichen Briefen führten, in denen EU-Bürger, die seit mehr als zehn Jahren mit britischen Staatsbürgern verheiratet waren und schulpflichtige Kinder hatten, aufgefordert wurden, das Land aufgrund mangelnder Aufenthaltsberechtigung umgehend zu verlassen.

Meine erste Reaktion auf den Volksentscheid hingegen war, die Betriebspension in die Eurozone zu übertragen. Davon riet jeder Finanzberater ab, da dieser speziell für Akademiker aufgelegte Rentenfonds überaus großzügige Konditionen beim Erreichen des 65. Lebensjahr anbot. Die Zeit meiner Pension aber hatte ich immer schon nicht in England verbringen wollen. Lange glaubte ich auch, niemals alle bürokratischen Hürden überwinden zu können, die errichtet wurden, um zu verhindern, dass einem Pensionsfonds, der aufgrund von eklatantem Missmanagement eine Negativbilanz von rund 17 Milliarden Pfund aufwies, die einem zustehende Summe entzogen wird.