Einfacher waren die begleitenden Schritte: Zu den symbolischen Handlungen eines innerlichen Abschieds von Britannien gehörte, meinen britischen Führerschein in eine deutsche Fahrberechtigung überschreiben und mir nach 30 Jahren wieder einen deutschen Personalausweis ausstellen zu lassen. Kein Verwaltungsdokument mehr sollte mich mit dem britischen Staat verbinden. Der aus dem Salzkammergut stammende jüdische Exilautor Jean Améry zitierte einmal ein österreichisches Sprichwort, das mir in diesem Zusammenhang immer einfällt: "In a Wirtshaus, wo man aussig’schmissen wurn is, geht ma nimmer eini."

Auf die mittlerweile besorgten Fragen, ob ich denn nach dem Brexit ("Ich glaub ja eh nicht, dass der kommt, aber falls doch") überhaupt noch ein Aufenthaltsrecht in Großbritannien besitzen würde, kann ich mittlerweile antworten: Ja, natürlich.

Denn zumindest was das Hochschulwesen betrifft, hat die Regierung die Notwendigkeit der Präsenz europäischer Akademiker erkannt. Wir durften sogar privilegiert an einem Pilotprojekt im Rahmen des EU Settlement Scheme teilnehmen, das zur Erteilung der umständlich indefinite leave to remain benannten Aufenthaltsgenehmigung diente. Zwar war die online zu bewältigende Antragsprozedur an technischen Unzulänglichkeiten und Absurditäten kaum zu überbieten, doch brachte sie innerhalb von weniger als einer Woche den positiven Bescheid.

Erbärmliche Politik

Wie das verantwortungslose Spiel der europafeindlichen Mitglieder der konservativen Partei mit ihrem Land weitergeht, darüber kann nach den Ereignissen der letzten Wochen niemand mehr eine seriöse Prognose wagen. Offenkundig ist nur: Man will den Brexit um jeden Preis. Die erbärmliche Premierministerin, die ja ursprünglich gegen den Austritt war, bis sie die Möglichkeit bekam, die politische Macht an sich zu reißen, um den Brexit herbeizuführen, hat alle Glaubwürdigkeit längst verspielt. Kaum weniger verantwortungslos als die Tories agiert auch die Opposition unter ihrem gleichfalls europafeindlichen Parteivorsitzenden, dessen einziges politisches Ziel es ist, das Premierministeramt nach dem absehbaren Kollaps der Regierung zu erringen.

Das zynische politische Austrittstheater wird also auf dem Rücken jener Bürger ausgetragen, die den Brexit nie wollten, und jener Wähler, die so dumm waren, auf die demagogischen Parolen der Austrittsbefürworter hereinzufallen und gegen ihre eigenen Interessen dafür zu stimmen. Dass sich Großbritannien in peinlichster Weise in der internationalen Wahrnehmung blamiert, ist schon fast egal, denn viel schwerwiegender sind die irreparablen Schäden, die das Land erlitten hat: das wahrscheinliche Wiederaufbrechen des Nordirlandkonflikts, das verstärkte Zerwürfnis zwischen England und Schottland, vor allem aber eine umfassende Spaltung der Gesellschaft, die unvermeidliche Schädigung der Wirtschaft und der allseitige Vertrauensverlust in das politische System und die politischen Eliten.

Die Misere, in die sich die britische Politik manövriert hat, schreibt sich aber auch aus spezifischen Problemen her, die in der fahrlässig herbeigeführten Volksabstimmung ein Ventil fanden: fröhliches Fortleben der Klassengesellschaft einerseits, skandalös hohe Kinderarmut andererseits, oder die zunehmenden Spannungen zwischen "weißer" und postkolonial-migrantischer Bevölkerung, befinden sich Erstere doch etwa in London demographisch schon in der Minderzahl. Der Brexit wird die Probleme, die aus all diesen Spannungen resultieren, nur noch verstärken. Großbritannien verdient nicht Bewunderung, sondern Mitleid.