London. Lange hat sie sich dagegen gewehrt, doch der Druck ist zu groß geworden: Theresa May wird als Großbritanniens Premierministerin zurücktreten.

In einem für sie ungewöhnlich emotionalen Pressestatement, das sie unter Tränen beendete, verkündete May, dass sie am 7. Juni zunächst als Parteichefin der Konservativen zurücktritt. Als Premierministerin will sie noch so lange amtieren, bis ihre Nachfolge geregelt ist.

Es sei im besten Interesse des Landes, wenn ein anderer Premierminister Großbritannien aus der EU führe, sagte May. Das Unterhaus hatte den von ihr ausgehandelten Brexit-Vertrag mit der Europäischen Union drei Mal abgelehnt. Sie werde "für immer bedauern", dass sie "nicht in der Lage gewesen" sei, den Brexit zu vollziehen, sagte die Politikerin. Trotzdem sei sie unendlich dankbar dafür, "dass ich dem Land, das ich liebe, dienen durfte", sagte May zum Abschluss ihres Statements und konnte daraufhin ihre Tränen nicht mehr zurückhalten.

Großbritannien und die EU steuern damit möglicherweise auf eine neue Konfrontation zu: Sowohl die Nachfolge-Anwärter aus den Reihen der Tories als auch Labour fordern Änderungen am Brexit-Vertrag, den May mit der EU ausgehandelt hat.

Die EU will den Vertrag aber auch weiterhin nicht aufschnüren. Das bekräftigten nach Mays Rücktrittsankündigung noch einmal EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und der irische Außenminister Simon Coveney. Daran werde auch ein neuer Premierminister nichts ändern, sagte Coveney. Wie, wann oder ob Großbritannien aus der Staatengemeinschaft ausscheidet, bleibt somit vollkommen ungewiss. Derzeit ist die Frist für den Abschied der 31. Oktober.

Corbyn will Neuwahlen

In Großbritannien ließ die Reaktion der Opposition auf Mays Rücktrittsankündigung nicht lange auf sich warten. Jeremy Corbyn fordert eine Neuwahl. Weder Premierministerin Theresa May noch ihre gespaltene Partei seien in der Lage, das Land zu regieren, sagte der Labour-Chef am Freitag in einer Erklärung.

Mays Entscheidung zurückzutreten sei richtig. "Wer auch immer der neue Chef der Konservativen wird, muss das Volk über die Zukunft unseres Landes entscheiden lassen und zwar über eine rasche Parlamentswahl."

Auch Nigel Farage, Vorsitzender der EU-feindlichen Brexit Party, der bei den Europawahlen ein Erdrutschsieg vorausgesagt wird, meldete sich zu Wort: "Es ist schwierig, nicht mit Frau May mitzufühlen, aber politisch hat sie die Stimmung im Land und in ihrer Partei falsch eingeschätzt", schrieb er auf Twitter.

Lob von Juncker

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker wiederum würdigte May als "Frau von Mut". Juncker habe die Rücktrittsankündigung von May "ohne persönliche Freude" verfolgt, sagte die Sprecherin.

Der EU-Kommissionschef werde ebenso jeden neuen britischen Premierminister respektieren und zu diesem Arbeitsbeziehungen aufbauen, "wer auch immer es sein wird, und ohne seine Unterredungen mit Premierministerin May zu stoppen".

Ex-Außenminister Johnson mit guten Chancen

Der parteiinterne Prozess um ihre Nachfolge soll May zufolge in der Woche ab dem 10. Juni beginnen. Das Rennen um den Parteivorsitz dürfte einige Wochen dauern. May bleibt in dieser Phase kommissarisch als Regierungschefin im Amt.

Als aussichtsreichster Anwärter auf Mays Nachfolge gilt Ex-Außenminister Boris Johnson, der für viele Briten das Gesicht der Brexit-Befürworter ist. Er verkündete auch gleich nach Mays Rücktritt, dass es nun an der Zeit sei, "zusammenzukommen und zu liefern". Neben Johnson werden aber auch ein gutes Dutzend andere Parteimitglieder als potenzielle Kandidaten gesehen, etwa der ehemalige Brexit-Minister Dominic Raab.

May war es nicht gelungen, eine Mehrheit für ihren Brexit-Plan für sich zu gewinnen. Auch sonst zeigten die britischen Parlamentarier keinerlei Einigkeit, welche Form des Brexits sie haben wollen. So stehen sich teilweise auch innerhalb der Parteien die verschiedenen Lager unversöhnlich gegenüber. Auch auf dieses Dilemma ging May bei ihrer Rede ein. Einen Konsens beim Brexit könne es nur geben, wenn alle Seiten zum Kompromiss bereit seien. "Kompromiss ist kein schmutziges Wort, das Leben hängt davon ab", betonte sie.

Britisches Pfund steigt

Das britische Pfund stieg nach Mays Rede deutlich, nämlich bis zu 0,5 Prozent auf 1,2718 Dollar. Börsianer machten dafür aber vor allem markttechnische Gründe nach den Verlusten der vergangenen Tage verantwortlich.

Auf lange Sicht sehen viele Strategen eher harte Zeiten auf das Pfund zukommen. Sie befürchten, dass ein härterer Kurs Großbritanniens gegenüber der EU das Pfund in den kommenden Monaten belasten könnte.

 (apa, dpa, reuters)