London. (ag/sig) Keinen Tag hat es nach der Rücktrittsankündigung der britischen Premierministerin gedauert, da hatten einige Konservative ihren Hut für die Nachfolge bereits in den Ring geworfen. Und es werden immer mehr. Am 7. Juni will Theresa May ihren Posten als Tory-Parteichefin räumen, danach beginnt das Rennen um ihre Nachfolge.

Bis zum 20. Juli soll es einen neuen Premier geben. Am Ende entscheiden die rund 150.000 Parteimitglieder zwischen den beiden Favoriten der Abgeordneten. Es läuft auf einen Kampf zwischen Brexit-Hardlinern hinaus.

Boris Johnson: Krawall-Brexiteer

Der Anführer der Brexit-Kampagne von 2016 hat sich in den vergangenen Jahren so viele Peinlichkeiten geleistet wie kaum ein anderer Spitzenpolitiker. Die Wurzeln des damaligen US-Präsidenten Barack Obama bezeichnete Johnson 2017, damals Außenminister, als "teilkenianisch", Afrika als "dieses Land". Bei einem Besuch in Burma zitierte er ein rassistisches Gedicht des britischen Kolonialisten Rudyard Kipling, die EU verglich er mit Adolf Hitler. Den Höhepunkt seiner verbalen Entgleisungen erreichte Johnson, als er die ehemalige libysche IS-Hochburg Sirte als potenzielles Touristenparadies bezeichnete. "Man muss nur die Leichen wegschaffen", sagte er.

Trotz all dem hat der ehemalige Bürgermeister von London die besten Chancen, neuer Premier zu werden. Laut den Wettbüros liegen sie bei 60 Prozent - drei Mal höher als jene seiner aussichtsreichsten Konkurrenten.

Kaum hatte May am vergangenen Freitag ihren Rücktritt angekündigt, drohte der 54-Jährige auch schon mit einem EU-Austritt ohne Abkommen. Johnson versucht Brüssel unter Druck zu setzen, um Zugeständnisse zu erhalten. Doch die EU will den mit May ausgehandelten Brexit-Deal nicht mehr aufschnüren. Ein Austritt ohne Deal ist mit Johnson als Favorit um die Nachfolge Mays um vieles wahrscheinlicher geworden.

Dominic Raab: Gescheiterter Brexit-Minister

In seiner Kritik an der EU ist Dominic Raab noch radikalerer als Boris Johnson. Der 45-Jährige gilt, zusammen mit Jeremy Hunt und Michael Gove, als gefährlichster Konkurrent Johnsons für Mays Nachfolge. Unter ihr war Raab fünf Monate lang Brexit-Minister, vor einem Jahr trat er zurück, weil er mit dem Entwurf des EU-Ausstiegsabkommens nicht einverstanden war. Am Sonntag erklärte Raab der BBC, was er als neuer Premier anders machen würde: Für einen "fairen Deal mit Brüssel kämpfen". Den "Backstop", die Notlösung zur Verhinderung einer harten Grenze auf der irischen Insel, will er so nicht. Dass die EU den Deal nicht wieder verhandeln wird, blendet auch Raab aus. Wie Johnson will er sein Land wie vorgesehen am 31. Oktober aus der EU führen - ob mit oder ohne Abkommen.