London/Wien. Ihre Kritiker halten sie für die schlechteste Premierministerin aller Zeiten, mit ihrem Brexit-Deal hat sie im britischen Parlament eine historische Niederlage erlitten. Drei Mal stimmten die Abgeordneten gegen das Abkommen, das Theresa May mit der EU verhandelt hatte. Nach drei Jahren gab sie am Freitag ihr Amt als Parteichefin der konservativen Tories auf. Es war zugleich der Startschuss im Rennen um die Nachfolge der 62-Jährigen.

Eigentlich wollte May als die Premierministerin in die Geschichtsbücher eingehen, die den Brexit vollzogen hat. Stattdessen wird sich die Nachwelt daran erinnern, wie grandios sie daran gescheitert ist. "Brexit heißt Brexit", "Ich werde den Brexit liefern" – es waren inhaltsleere Aussagen wie diese, die May gebetsmühlenartig wieder und wieder in die Kameras sprach und die ihr das Image eines Roboters verschafften. Schon im Herbst 2016 tauchte der wenig charmante Spitzname "Maybot" (eine Zusammenführung von "May" und "Roboter") auf – und blieb. Daran war die Premierministerin nicht unmaßgeblich beteiligt. So gab sie etwa auf die Frage nach ihrer schlimmsten Jugendsünde an, als Kind durch die Weizenfelder gelaufen zu sein: "Die Bauern hat das sicher nicht gefreut."

Steifes Auftreten,einstudierte Antworten

Beim ersten Treffen der EU-Staats- und Regierungschefs in Brüssel sah May, die alleine herumstand und an ihren Ärmeln zupfte, aus wie der seltsame Partygast den niemand kennt; am Strand in Cornwall aß sie umständlich aus einer Tüte Pommes und wirkte dabei, als wäre es das erste Mal – zumindest ohne Messer und Gabel. May wirkte oft unbeholfen, ihr Auftreten steif, ihre Antworten einstudiert.

In dem Versuch, ihre Partei im Streit um den EU-Austritt zusammenzuhalten scheiterte die Pastorentochter letztlich an allen Fronten: Die konservativen Tories sind unwiderruflich gespalten – und die Nation steckt in einer der schlimmsten Krisen seit dem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg.

May, die vor dem Referendum von 2016 für den Verbleib in der EU gewesen war, vollzog nach ihrem Amtsantritt rasch eine Wende um 180 Grad. Der Satz "Kein Deal ist besser als ein schlechter Deal" wurde zu ihrem neuen Mantra. Einmal Premierministerin, passte May ihr Narrativ immer mehr an die Hardliner innerhalb der konservativen Tories an. Sie hörte auf die Brexiteers rund um Steve Baker und Jacob Rees-Mogg von der mächtigen "European Research Group" – so etwas wie eine Partei innerhalb der Partei. Die ERG kämpft für einen möglichst harten Bruch mit der EU und trieb May von Anfang an vor sich her. Je schwächer sie wurde, desto stärker wurde die ERG. Und je stärker der rechte Tory-Flügel, desto wahrscheinlicher wurde ein EU-Austritt ohne Abkommen.

Mit Mays Abgang sind die Chancen darauf nun noch einmal gestiegen. Ein knappes Dutzend Kandidaten gibt es für Mays Nachfolge, die meisten davon wollen einen harten Bruch mit der EU. Als aussichtsreichste Bewerber gelten der Brexit-Ultra Boris Johnson und Umweltminister Michael Gove, ebenfalls ein Brexiteer. Vor allem Ex-Außenminister Johnson – der einer Anklage wegen Lügen bei der Brexit-Kampagne nun knapp entging – trauen die Konservativen zu, enttäuschte und zur Brexit-Partei von Nigel Farage abgewanderte Wähler zurückzuholen. Mit 32 Prozent der Stimmen lag diese bei den Europawahlen auf dem ersten Platz, die Tories fuhren ihr schlechtestes Ergebnis aller Zeiten ein.

Wird einer der Hardliner tatsächlich neuer Premier des Vereinigten Königreichs, rückt ein No-Deal-Brexit am 31. Oktober näher. Verheerend wäre das vor allem für Irland, weil Dublin dann Grenzkontrollen zu Nordirland einführen müsste. Eine solche harte Grenze wäre nicht nur ein wirtschaftliches Fiasko. Sie würde auch das fragile Gleichgewicht zwischen Katholiken und Protestanten in Nordirland gefährden.

Die Bewerber für Mays Nachfolger interessiert das freilich wenig. Bis Ende Juli soll das komplizierte Auswahlverfahren abgeschlossen sein, in der Woche vom 22. Juli soll der Sieger verkündet werden. Im ersten Teil des Prozederes entscheiden noch die Konservativen im Abgeordnetenhaus: In jeder Wahlrunde scheidet der Letztplatzierte aus, abgestimmt wird so lange, bis nur noch zwei Kandidaten überbleiben. In einer Stichwahl müssen sie sich dann den rund 160.000 Parteimitgliedern stellen.

Es droht der Zerfall des Vereinigten Königreichs

Letztlich entscheidet also die Basis darüber, wer neuer Premier wird. Die Mehrheit der Tories will den Brexit so schnell wie möglich durchzeihen – mit dem als Politclown verschrieenen Johnson als neuen Premier. Tritt das Vereinigte Königreich tatsächlich ohne Abkommen aus der EU aus, droht dem Land nicht nur ein wirtschaftlicher Einbruch. Beim Referendum hatten lediglich Engländer und Waliser für den Brexit gestimmt.

In Schottland, wo die Mehrheit der Wähler in der EU bleiben wollte, wächst der Widerstand gegen die Regierung in London stetig. In einem Jahr will die Chefin der dortigen Regionalregierung, Nicola Sturgeon, ein zweites Unabhängigkeitsreferendum abhalten. Und in Nordirland werden die Stimmen lauter, die eine Wiedervereinigung mit der Republik im Süden fordern.

Bekommen die Brexiteers am Ende, was sie wollen, und führen ihr Land ohne Abkommen aus der EU, könnte der Zerfall des Vereinigten Königreichs die Folge sein. Der Plan der Hardliner, die von Brüssel auferlegten Ketten zu sprengen und nach dem Brexit in alter Größe um die Welt zu segeln, wäre damit gescheitert. Übrig bliebe ein wirtschaftlich geschwächtes Little Britain.