Am Dienstag wählt das Unterhaus einen neuen "Speaker" - wahrscheinlich Lindsay Hoyle, der im November John Bercow nachgefolgt war. Am Donnerstag wird das neue Parlament mit der Ansprache der Queen offiziell eröffnet. Johnson will sein Austrittsabkommen noch vor Weihnachten durchs Parlament bringen, mit Widerstand aus seinen eigenen Reihen muss er nicht mehr rechnen. Damit kann der Brexit am 31. Jänner vollzogen werden.
Nein. Glaubt man Johnson, dann ist sein Wahlkampfslogan "Get Brexit Done" am 1. Februar Realität. Doch die wirklichen Verhandlungen mit der EU starten erst nach dem Austritt. Dann beginnt die Übergangsphase, bis Ende 2020 bleibt alles, wie es ist. Bis 1. Juli muss Johnson mitteilen, ob er diese Übergangsphase für ein oder zwei Jahre verlängern will.
Ja. In dieser Zeit müssen London und Brüssel ein Handelsabkommen vereinbaren. In Brüssel glaubt niemand, dass die Zeit dafür reicht, aber Johnson hat eine Verlängerung bereits ausgeschlossen. Der Premier steht unter Druck, weil das Vereinigte Königreich in der Übergangsphase EU-Regeln und -Gesetze befolgen und ins Budget einzahlen muss, aber nicht mehr mitreden darf.
Gelingt ein Handelsabkommen bis Ende 2020, wird es nicht besonders detailliert ausfallen. Sollen schwere Schäden für die Wirtschaft verhindert werden, braucht es aber ein umfassendes Abkommen - schließlich sind die Verflechtungen zwischen dem Königreich und der EU nach 45 Jahren Mitgliedschaft eng.
Der Tory-Premier will ein Abkommen wie jenes, das die EU mit Kanada vereinbart hat, doch das wird sich bis Ende 2020 nicht machen lassen. Wollen die Briten Zollfreiheit, müssten sie sich auf die Wettbewerbsregeln der EU einlassen - und wären damit erst wieder an die Staatengemeinschaft gebunden. Die Tories hätten ihr Versprechen gebrochen.
Am liebsten würden sie weiterhin zollfreien Handel mit der EU betreiben, ohne sich an deren Regeln und Standards zu halten, doch das kann die EU nicht zulassen. Harte Verhandlungen stehen bevor. Wie schon bei den Gesprächen zum Austrittsabkommen wird es auch hier spannend: Bleiben die EU-Staaten geschlossen oder lassen sie sich gegeneinander ausspielen? In den künftigen Beziehungen mit Großbritannien gibt es viele Partikularinteressen - und London wird versuchen, das auszunutzen. Zudem will Johnson rasch ein umfassendes Handelsabkommen mit den USA abschließen - was eine enge Bindung an die EU ausschließt. Möglich, dass er einem Abkommen mit den USA Priorität einräumt.
Vorerst ja. Verlassen die Briten die EU am 31. Jänner mit Johnsons Austrittsabkommen, ist ein No-Deal-Brexit zunächst vom Tisch - und damit auch Grenzkontrollen in Irland. Das Abkommen sieht vor, dass Nordirland in Binnenmarkt und Zollunion der EU bleibt, die künftige Zollgrenze soll zwischen Großbritannien und Nordirland verlaufen, Waren in den Häfen und Flughäfen Nordirlands kontrolliert werden. Gelingt es nicht, während der Übergangsphase ein Handelsabkommen zu vereinbaren, kommt es zu einem No-Deal-Brexit, allerdings nur für Großbritannien: Nordirland bleibt für fünf Jahre in Binnenmarkt und Zollunion der EU. Danach kann das nordirische Parlament autonom entscheiden, ob diese Vereinbarung verlängert wird.
Am Wochenende hieß es, Johnson wolle sein Kabinett umbilden, führende Konservative sollten Teil eines neuen Verhandlungsteams mit der EU werden. Laut Berichten soll auch der Beamtenapparat reformiert werden. In Großbritannien werden nach einem Regierungswechsel üblicherweise keine Beamten ausgetauscht. Berater wie Johnsons Chefstratege Dominic Cummings sind nicht Teil des Civil Service. Cummings beschwert sich schon lange darüber, dass "so gut wie niemand je gefeuert wird". Das soll sich nun ändern. Unmittelbar nach seinem Wahlsieg sprach Johnson von "One Nation": Das Land ist gespalten, er will es wieder zusammenführen. Das Brexit-Lager zu einen, ist ihm bereits gelungen, es gibt jetzt nur noch eine Brexit-Partei: die konservativen Tories.
Trotz der historischen Verluste zeigte sich Parteichef Jeremy Cobyn am Wochenende stolz auf die Wahlkampagne, Rücktrittsforderungen schlug er aus. Doch der Kampf um seine Nachfolge hat bereits begonnen, vor allem Frauen bringen sich in Stellung. Corbyns Nachfolgerin soll möglichst keine Remainerin sein und nicht aus London stammen.