Boris Johnson, dem völlig klar war, dass er nur durch die chaotische Brexit-Welle ins Amt des Premierministers gespült werden würde, hat das erkannt und machte es vor. Johnsons wochenlange Kriegs-Rhetorik ("Surrender Bill", "Traitors") im Parlament führte letztlich dazu, dass Menschen körperlich angegriffen und ihre Familien bedroht wurden, bloß weil sie politisch eine andere Meinung äußerten. Der "Stop-Brexit"-Mann, der Jahre vor dem Parlament ausharrte, wurde von Rechten verdroschen, nachdem Johnson in einer Rede sagte, man solle ihm "mit einem Socken das Maul stopfen".

Das alles ist derart fürchterlich, dass einem als anglophiler Europäer die Tränen kommen möchten. Zumal eine der mächtigsten Triebfedern des ganzen Wahnsinns ein eher simpler Umstand ist. Die Brexit-Fans interessieren keine internationalen Verträge, keine Zölle oder ein Freier Handel. Die "Brüsseler Bürokratie" konnten sie zwar noch nie leiden, aber deswegen muss man nicht austreten. Aber dass beim Supermarkt Tesco ein Pole die Regale schlichtet, und das auch noch völlig legal, das haben sie der EU einfach nie verziehen. In einem simplen Satz zusammengefasst: "Immigrants treat our country as their own." Man beachte: Diese Klage über EU-Migranten kam nicht etwa von einem ultrarechten Fanatiker aus den Reihen von "Britain First", sie kam von niemandem geringeren als Premierminister Johnson selbst. Simpel, wirksam und natürlich völlig oberflächlich. Und es ist für anglophile Europäer eine neue Erfahrung: Ja, er spricht hier auch von uns. Auch wir sind die bösen Ausländer, die Wurzel allen europäischen Übels, die der seltsame Mann mit der wirren Frisur hier meint.

Die Idee, dass die ganze toxische Brexit-Debatte mit diesem Freitag zu Ende sein wird, wie Johnsons Slogan "Get Brexit done" suggeriert, wird sich als falsch erweisen. Denn die wahre "Schlacht" - um bei Johnson Rhetorik zu bleiben - steht erst bevor. Denn die Überzeugung, dass das UK dem etwa zehn mal so großen Rest Europas (und eigentlich der ganzen Welt) seine Bedingungen aufzwingen kann, könnte sich als leere Hoffnung erweisen. Mittelfristig ist zudem auch die Demografie ein Faktor. Gut möglich, dass die sich gerade vom Remain auf Rejoin umformierende pro-europäische Bewegung künftig deutlich mehrheitsfähig wird.

"17 Million Fuck-Offs"

Die Briten standen lange im Ruf, ein betont höfliches Volk zu sein, zumindest wenn man die Zeichen deuten kann. Wenn man beim Smalltalk gesagt bekommt: "You must come for dinner" bedeutet das in der Regel das exakte Gegenteil einer Einladung. Ungefähr so wie der berühmte Satz "Wir können ja Freunde bleiben." Da ist es doch ehrlicher, dass die Rechte gerade einen EU-Abschieds-Song in den britischen Charts pusht. Er ist von Dominic Frisby und heißt in Anspielung auf das 2016er-Brexit-Referendum "17 Million Fuck-Offs" - delivered as ordered.