Großbritannien kehrt der Europäischen Union den Rücken und will sich auch wirtschaftspolitisch neu orientieren. Die fieberhaften Bemühungen um ein Handelsabkommen mit der EU änderten nichts daran, dass London parallel dazu nach anderen Partnern sucht, um die zu erwartenden ökonomischen Ausfälle abzufedern.

Wer sind diese neuen wirtschaftspolitischen Partner der Briten?

Kanada und Großbritannien haben jetzt ein vorläufiges Abkommen zur Vermeidung von automatischen Zollerhöhungen nach dem Ende der Brexit-Übergangsphase unterzeichnet. Die Vereinbarung stellt sicher, dass die geltenden Zölle konstant bleiben, bis ein bereits ausgehandeltes Handelsabkommen zwischen beiden Ländern endgültig in Kraft ist. Außerdem hat Großbritannien einen Handelspakt mit dem Stadtstaat Singapur besiegelt. London plant, sich der Freihandelszone CPTPP anzuschließen, die beiderseits des Pazifiks unter anderem die Märkte Australiens, Kanadas, Chiles, Japans und Mexikos umfasst.

Warum sind die Verhandlungen mit der EU bis zum Ende mühsam verlaufen? In London war die Regierung offensichtlich bereit, für das Konzept "Selbstbestimmung" massive wirtschaftspolitische Nachteile in Kauf zu nehmen. Auch wird diese Herangehensweise von einem nicht unerheblichen Teil der britischen Bevölkerung unterstützt. Das wurde in Brüssel lange Zeit unterschätzt, was auch in EU-Kreisen eingeräumt wird. Die Briten wollten aber EU-Regeln eben nicht länger akzeptieren - das ist jedoch die Vorbedingung für einen fairen Handel innerhalb der EU.

Was ändert sich ab dem 1. Jänner 2021 in jedem Fall?

Urlauber vom Kontinent sind weiterhin in Großbritannien willkommen, wer aber länger bleiben will, weil er etwa ein Studium aufnimmt oder Arbeit sucht, braucht künftig ein Visum. Der Güterverkehr wird auf alle Fälle komplizierter, es werden etwa Lizenzen für bestimmte Nahrungsmittel und Zertifikate zur Herkunft von Waren notwendig. Die in Großbritannien lebenden rund drei Millionen EU-Bürger müssen - irische Staatsbürger ausgenommen - bis zum 1. Juli 2021 elektronisch registriert sein.

Was bedeutet das für Österreichs Wirtschaft?

Für Österreich ist Großbritannien der achtwichtigste Handelspartner. Einige Firmen werden nach Ablauf der Übergangsfrist durchaus spürbare Einbußen verzeichnen. Im Zuge der Auswirkungen des derzeitigen Corona-Desasters wird das vorerst nur eine eher untergeordnete Rolle spielen.

Wird die britische Wirtschaft nach dem Ende der Übergangsfrist florieren?

Das ist nur eine kühne These. Der britische Premier Boris Johnson betonte zwar immer wieder, dass die britische Wirtschaft auch ohne Abkommen mit der EU gedeihen würde. Hier ging es ihm freilich aber darum, die britische Position bei den Verhandlungen mit der EU zu stärken. London schließt zwar derzeit Freihandelsverträge mit Nicht-EU-Ländern ab, auf absehbare Zeit kann das die Nachteile, die ein fehlender barrierefreier Handel mit Europa mit sich bringen würde, nicht ausgleichen.

Großbritannien ist besonders stark von der Covid-Pandemie getroffen. Hat das Auswirkungen auf den Post-Brexit-Prozess?

Eine Corona-Mutation breitet sich derzeit rasch auf der britischen Insel aus. Die meisten EU-Länder haben umgehend reagiert und ihre Flughäfen für britische Flugzeuge gesperrt. Auf den Straßen nach Dover stauten sich die Schwerlaster, in den englischen Häfen herrschte Chaos. Die Briten bekamen so einen Vorgeschmack darauf, was ihnen im Fall eines "No Deal" blühen könnte. Johnson geriet unter wachsenden Druck, der EU entgegenzukommen.